Der alltägliche Wahnsinn

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Der alltägliche Wahnsinn

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Alternative Asyl?

 

Heute, 18. August 2017, erscheint in der hiesigen Tageszeitung (Westfälische Rundschau) ein Artikel, der mich einmal mehr überlegen lässt, ob es eventuell nicht doch besser ist, irgendwo anders in der Welt um Asyl nachzusuchen. Bevor es noch schlimmer wird. Obwohl ich dieses schöne Land eigentlich liebe. Aber der Reihe nach:

Es ist kein großer Artikel, einspaltig, unter der Rubrik „Region“. Der Titel: „Juwelier darf keine Waffe mehr tragen“. Unterzeile: Richter empfiehlt Sicherheitsdienst.

Da habe ich ganz spontan und eher amüsiert gedacht: Na ja, der Richter hat ein ausgeprägt soziales Gewissen, schließlich sind Sicherheitsdienste heutzutage bekannterweise eine der letzten Anlauf- Adressen für gering Qualifizierte, wie´s so schön heißt. Wenn man aber weiter liest, dann ist man nicht mehr amüsiert.

Zum Hintergrund: Ein Dortmunder Juwelier hat 1995 auf Antrag einen Waffenschein ausgestellt bekommen, keine WBK, sondern einen Waffenschein, also die Erlaubnis, eine geladene Kurzwaffe verdeckt auch in der Öffentlichkeit tragen zu dürfen. Nachvollziehbare Begründung damals: Der Mann ist unbescholten, nicht kriminell, er transportiert regelmäßig Preziosen in einer Wert- Größenordnung im bis zu siebenstelligen D-Mark- bzw. €uro- Bereich zu seinen Kunden, und die Welt ist schlecht.

Fatalerweise verliert der Juwelier das Dokument, also den Waffenschein. Kein Problem, hat der sich gedacht, ist ja nichts passiert, denn schießen kann man mit dem Papier nicht, also ab aufs Amt und die Ausstellung eines Ersatz- Dokuments beantragt. Eine alltägliche, ganz banale Angelegenheit also. Oder?

Oder! Denn das war nichts. Gar nichts. „Den gibt´s nicht mehr“, wurde ihm eröffnet. Zwar haben sich die Umstände und Probleme des Juweliers nicht geändert, sehr wohl aber die Zusammensetzung in den Amtsstuben bzw. die dort seit Jahren vorherrschende Art und Weise, diese Welt wahrzunehmen. Denn die Ämter sind mittlerweile fast vollständig okkupiert von den Leuten mit dieser seltsam weichgespülten Weltsicht, die da meint:

Wenn es irgendwo ein Problem wie z. B. kriminelle Aktivitäten gibt, machen wir ein Gesetz dagegen, und alles ist gut. Den Bürger haben wir damit sicher geschützt, denn alle Kriminellen halten sich natürlich an unsere Gesetze. Wir müssen aber noch weiter denken und gehen, nämlich den Bürger, dieses große, naive Kind, vor sich selbst schützen. Der Juwelier z. B. könnte sich ja selbst ins Knie schießen, wenn er bei einem Überfall seine Waffe zieht. Oder einen uneinsichtigen oder ahnungslosen Kriminellen verletzen, der versäumt hat, die neuen Gesetze zu lesen und in seiner Unkenntnis einfach weiter bewaffnete Raubüberfälle begeht. Das geht nicht. Gar nicht.

Also wird die Ausstellung des Ersatz- Dokuments von Amts wegen verweigert. Denn die Welt hat sich ja entscheidend verbessert seit 1995. Vorherrschende Meinung (in den Amtsstuben!) ist:

Die Gesetze sind seit 1995 derart verdichtet worden (was stimmt!), dass es gar keine Möglichkeit mehr gibt, Raubüberfälle zu begehen, ohne straffällig zu werden. Und das will ja keiner, straffällig werden. Weiterhin sind unsere Sicherheitsbehörden, also unsere Polizei, so souverän und erfolgreich geworden in Sachen Prävention und Präsenz, dass es überhaupt keine denkbare Möglichkeit für Kriminelle mehr gibt, so etwas Abstruses wie einen Raubüberfall oder eine sonstige Gewalttat zu begehen.

Terrorismus? Rechtsfreie Räume in von libanesischen Familien- Banden dominierten Stadtteilen in deutschen Großstädten? Organisierte Kriminalität, professionelle Raubzüge vorwiegend ausländischer, meist osteuropäischer Gangsterbanden? A bah! Was ist das denn? Gibt´s gar nicht. Alles eine reine Erfindung dieser Presse- Fuzzies.

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Unser Rechtsstaat

So weit, so gut. Ärgerlich für den Juwelier. Aber wir haben ja noch unsere unabhängigen Gerichte, auch wenn´s Unmengen an Zeit (während der unser Juwelier, weil unbewaffnet, sich auf den guten Willen der Kriminellen verlassen muss) und Geld kostet (davon hat er ja genug, der Juwelier).

Das aber, also das Vertrauen in die unvoreingenommene Justiz ist, wie man mittlerweile in eingeweihten Kreisen weiß, ein Trugschluss. Und was für einer. Denn auch in die Richterstuben hat diese oben geschilderte Realitätsferne und völlig unlogisch- widersprüchliche Weltsicht längst Einzug gehalten. Man denke nur an das Urteil des BVerwG in Bezug auf die Null- Promille – Forderung für Waffenträger.

In diesem Falle hat der Richter Wolfgang Thewes, Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, wie folgt Recht gesprochen (ich zitiere hier den Artikel auszugsweise und wörtlich):

Satz 1: „Das (die Verweigerung des Ersatz- Waffenscheins, d. Verf.) sei richtig. Schließlich sei er noch nie überfallen worden. Statt eine eigene Waffe zu tragen, solle er lieber darüber nachdenken, einen Sicherheitsdienst zu beauftragen.“

Und:

Satz 2: „Wenn ein Täter – wie im Krimi – aus dem Hinterhalt kommt und Ihnen eine Pistole an die Schläfe hält, nützt eine Waffe am Hosenbund doch gar nichts.“

Zitat Ende.

Whow!! Da staunt man. Über so viel Weisheit und wahrhaft tiefschürfende Durchdringung des Seins. Also, wenn ich sowas lese, verfestigt sich meine Meinung, dass unsere Richter, bevor sie auf die Welt losgelassen werden, nach Studium und Examen mindestens ein Jahr Streetworker- Arbeit an sozialen Brennpunkten, daran schließend ein Jahr Streifendienst in einer Großstadt- Polizeieinheit und anschließend ein Jahr in einem Kriminaldezernat für Gewaltverbrechen Dienst tun müssten. Mit Nachweis und Zeugnis, versteht sich. Das ist ja wohl nicht zuviel verlangt für Leute, die später als unabhängige Richter Recht sprechen sollen und dürfen und damit ganz entscheidenden Einfluss haben auf die freiheitlich – demokratische Grundordnung, die Auslegung unserer Gesetze und auf das Leben jedes einzelnen Bürgers. Das hat Richter Thewes nie erleiden müssen, deswegen gibt´s bei ihm Raubüberfälle anscheinend nur im Fernsehen, wie seine süffisante Bemerkung „wie im Krimi“ vermuten lässt.

Doch gehen wir mal auf die richterlichen Bemerkungen ein wenig ausführlicher ein, da diese Gedankengänge ja offensichtlich die intellektuelle Grundlage des Urteilsspruchs waren.

Zum ersten Satz habe ich schon oben einige Bemerkungen gemacht. Tatsächlich ist es so, dass es für solche Sicherheitsdienst- Jobs keine geregelte Ausbildung gibt. Da trifft man also Leute von bis, sicherlich auch einige ausreichend bzw. gut Qualifizierte. Aber im Großen und Ganzen ist es so, dass es mit den Anforderungen an Ausbildung und berufliche Qualifikation in dieser Branche nicht weit her ist. Das ist auch der Grund dafür, dass diese Jobs relativ mies bezahlt werden. Es kann aber auch sein, dass sie deswegen Geringqualifizierte im Übermaß anziehen, weil sie eben mies bezahlt werden. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus beiden. Fakt ist: Diese Leute, will der Richter, sollen hier für die Sicherheit unseres Juweliers Sorge tragen. Ein teurer Spaß noch dazu, weil so ein Rundumschutz viel Geld kostet, auch wenn der Hilfs- Sheriff selbst nur wenig davon abbekommt.

Kommen wir zum Argument „schließlich noch nie überfallen worden“. Da tun sich Welten auf, in dieser Klarheit und Konsequenz hat das noch nie jemand erkannt! Da entwaffnen wir doch auch gleich unsere Bundeswehr. Schließlich ist die seit ihrer Entstehung 1956 ! auch noch nie überfallen worden. Und für einen ganz erheblichen Teil unserer Polizeibeamten trifft das ebenfalls zu. Keine Panzer, Artillerie, MGs und G 36 bei der Bundeswehr, keine P 99 bei der Polizei mehr: Was würden wir für Geld sparen!

Zum zweiten Satz: Da verweise ich auf meinen Vorschlag, unsere Richter mit der Lebenswirklichkeit bekannt zu machen, bevor man sie auf den rechtssuchenden Bürger loslässt.

Spielen wir so ein Szenario mal durch: Unser Juwelier, nennen wir ihn J, muss einen eiligen Kunden besuchen (Leute mit viel Geld haben es immer eilig!). Er trägt sein Köfferchen mit Preziosen, sicherheitsschloss- gesichert, ans Handgelenk gekettet, unauffälliges Leder. Hinter ihm geht sein bodyguard, wie´s ja neudeutsch heißt. In der Regel kann man die gut am Typus erkennen, da gibt es zwei Erscheinungsbilder: Entweder drahtig- sportlich, Typ Kampfsportler. Oder bullig- massig, Typ Diskotheken- Türsteher. Die Vertreter beider Typen eint Folgendes: Fast immer sind sie dunkel- „unauffällig“ gekleidet, fast immer tragen sie auch bei Regen, ja sogar bei Dunkelheit Sonnenbrillen, und immer fixieren sie jeden im Umkreis von 100 Metern mit diesem ernst- aufmerksamen, prüfend- warnenden Blick: „Versuch´s erst gar nicht!“ Also sind sie, wie Reinhard Mey das damals so schön formulierte, typische Träger einer „Non- Konformisten- Uniform“.

Weiter also: R (Räuber) hat J ins Visier genommen, heute gilt´s, die Gelegenheit ist günstig. Für das, was folgt, gibt´s auch gewisse Regeln, im Wesentlichen zwei Szenarien.

Szenario 1: R tritt an einer passenden Stelle hinter J und hält ihm seine Waffe (er hat ja eine, wenn auch keinen Waffenschein) an die Schläfe. Das wäre aber dumm. Ziemlich. Denn damit hätte Sicherheitsmann S die Möglichkeit, seine Waffe aus dem Holster zu fummeln und ihm ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten. Im schlimmsten Fall, wie´s im Jargon heißt, den „Kopf wegzupusten“. Das will R aus nachvollziehbaren Gründen natürlich nicht. Gehen wir also davon aus, dass er solches Ungemach zu vermeiden trachtet und damit eher Szenario 2 eintreten wird:

R tritt, geradezu infam das Urteil des Herrn Thewes unterlaufend, plötzlich und überraschend hinter  (S!!!) und hält ihm eine Waffe an die Schläfe, nimmt diesem (S!), denn R ist ja nicht dumm, zumindest kann er mit einiger Wahrscheinlichkeit eintretende, zu erwartende Entwicklungen gedanklich vorwegnehmen, hier z. B. die Möglichkeit, dass S, sobald er die Gelegenheit hat, versuchen wird, seine Waffe zu ziehen, diese (die Waffe) weg. (Alles verstanden? Gut.) J steht die ganze Zeit daneben, er hat ja keine Waffe, und wegzulaufen traut er sich nicht, denn R hat eine Waffe. Dann hält er (R) J die Waffe an die Schläfe und nimmt ihm das besagte Köfferchen weg. Dass das so oder so ähnlich kommen wird, ist mit an Sicherheit angrenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, denn die Herren vom Stamme R sind ja nicht dumm und erkennen Sicherheitsleute so sicher am Outfit und Auftreten, wie es jeder normale Bürger auch tut.

Also muss man überlegen, wie eine solche (für J) vermögensmäßig abträgliche Agens zu verhindern ist. Eine Möglichkeit wäre, dass S, wie in den Filmen über Zugriffe von Spezialkommandos der Polizei immer so schön zu sehen ist, ständig mit im Anschlag gehaltener Waffe seinen Auftraggeber J umkreist. Damit vermeidet er einigermaßen sicher, dass Szenario 2 eintritt, denn er hat seine Waffe ja schon im Anschlag. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass das mit Sicherheit zu erheblichem Aufruhr im öffentlichen Raum führen würde. Zwar hätte so ein Auftritt für manche Passanten erheblichen Unterhaltungswert, würde aber mit Sicherheit zum vollständigen Kollaps der Notrufnummer 110 führen. Außerdem wäre das Ganze auch für Auftraggeber J eventuell hochnotpeinlich.

Dazu kommt: R könnte ja jetzt in seiner grenzenlosen kriminellen Energie dazu übergehen, den S, der ja durch sein Erscheinungsbild und Verhalten unverwechselbar auszumachen ist, aus Distanz und überraschend kampfunfähig zu machen, sprich zu erschießen. Sozusagen prophylaktisch. Dann fände anschließend wieder Szenario 1 Anwendung, allerdings in diesem Fall ohne Mitwirkung von S.

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Fazit

Man sieht, es ist nicht so richtig einfach, wenn man die Welt mit dem mentalen bzw. ideologischen Brecheisen von aller Gewalt befreien will. Vor allem dann nicht, wenn man seine Utopien nicht zu Ende denkt. Und das scheint mir hier der Fall zu sein. Ich meine, niemand kann verhindern, ja man kann es auch nicht wollen, dass unsere Richterinnen und Richter völlig von der Gesellschaft entkoppelt sind. Das geht auch gar nicht, weil ohne die Kenntnis von Sitten, Gebräuchen, moralischen Werten niemand seine Umwelt, Mitmenschen einschätzen, geschweige denn Recht über sie sprechen kann. Für einiges aber sollten wir Sorge tragen, nämlich dass wir nur Leute ins Richteramt berufen, die nicht über ein einseitig ideologisches Weltbild verfügen und von diesem auch noch in ihren Urteilsfindungen komplett gesteuert werden. 1) 

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Was ich meine?

Na ja, ganz einfach: Der Mann ist offensichtlich ein seriöser, völlig rechtstreuer, unbelasteter, angesehener und steuerzahlender Bürger dieses schönen Landes. Man stellt ihm, wie beantragt, ein Ersatz- Dokument für seine Waffe aus. Die Folgen: Er kann sich auch in Zukunft weiter selbst beschützen, kann an Weihnachten, zu Ostern, nachts, wann immer es nötig ist, einen eiligen Kunden besuchen und Umsatz und damit erhebliches Steueraufkommen generieren, damit wir weiter Richter ausbilden lassen können, er vertraut weiter darauf, mit einigem Recht, wie ich meine, dass die Waffe eben doch Schutz gibt – die Welt ist schön.

Wir hätten, wie in diesem Fall, keinen sauteuren, endlos langen, jede Menge Steuergeld kostenden Verwaltungs- Akt produziert. Es könnten sich die sauteuren Beamten, die den Waffenschein verweigert und sich wochen- und monatelang mit nichts anderem beschäftigt haben, jetzt nicht selbstzufrieden in die Amtssessel zurücklehnen und sagen:

Dem Spinner haben wir´s gezeigt! Wäre ja wohl gelacht, wenn der Bürger machen könnte, was er will! Und wenn er dreimal im Recht ist!

Wir sind weit gekommen.

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Kirchveischede, 18. August 2017

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Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

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1) In diesem Sinne ist es längst überfällig, dass unser Erziehungssystem, vor allem dessen Personal, nach den gleichen Aspekten ausgerichtet wird. Es ist jedermanns Recht, auch das eines Lehrers, z. B. überzeugter Veganer zu sein. Es kann aber nicht sein, dass er entweder ausdrücklich oder durch sein Verhalten diese persönliche Vorliebe den ihm anbefohlenen Kindern aufoktroyiert. Genauso verhält es sich mit den Universitäten und Amtsstuben. Jedwede Phobie halte ich persönlich für eine Störung des natürlichen seelischen Gleichgewichts, und Hoplophobie ist eine Phobie. Vor allem dann, wenn sie zu solch völlig sinnfreien und widersinnigen Ergebnissen führt wie hier.

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