Jäger, Wildhüter + Bruno Bär

 

Die Jäger, die Wildhüter + Bruno, der Bär – eine nachdenkliche Betrachtung

In der Ausgabe April 2008 berichtete „Wild und Hund“ ausführlich über die Familie von Bruno in den Alpen, über Probleme mit ihr und die voraussichtliche und zu befürchtende Entwicklung in Bezug auf Jungbär JJ 3.

Am 15.4.08 erschien dann in der der Westfälischen Rundschau, Lokalausgabe für den Kreis Olpe, ein kleiner Artikel. Inhalt, im Wortlaut wiedergegeben:

Chur. (dpa) Wildhüter haben in den Schweizer Bergen einen Bruder von Problembär „Bruno“ erschossen. Das Tier mit dem Namen „JJ 3“ sei eine Gefahr für die Menschen geworden, teilten der Kanton Graubünden gestern mit. „JJ 3“ habe nämlich ähnlich schlechte Angewohnheiten wie sein Bruder an den Tag gelegt: Er suchte seine Nahrung bevorzugt in Siedlungen der Menschen.

Die DJZ berichtet ebenfalls in ihrer Ausgabe 6/2008.

So weit, so gut. Was war da los? Ein Problembär wurde er- oder geschossen (DJZ: getötet). Problembär heißt, seinem Verhalten nach und bei vernünftigem Ermessen potentiell gefährlich (für Menschen). Bei Millionen von Schweinen und Rindern, die in der EU täglich geschlachtet werden, sollte man eigentlich wie die Schweizer locker darüber hinweg gehen. Insbesondere, weil Braunbären zwar in den Alpen (noch) selten, als Art aber eigentlich nicht gefährdet sind.

Was mich dennoch veranlasst, mich mit diesem Artikel zu beschäftigen, sind zwei Dinge:

1. Wir sollten uns in Erinnerung rufen, welch ein Riesenaufstand in der deutschen Tages- und Boulevardpresse gemacht wurde, als das gleiche damals in Deutschland aus genau den gleichen Gründen passierte (als nur „Jäger“ sage ich, Gott sei Dank durch einen „Wildhüter“, Näheres dazu siehe weiter unten). Wir erinnern uns: Ein junger Braunbär wandert über Österreich aus Italien zu. An sich eine schöne Sache, sie gehören dahin. Leider hatte er etwas gewöhnungsbedürftige Angewohnheiten: Seelenruhig tagsüber durch Ortschaften spazieren, Kaninchenställe aufbrechen und sich, völlig unteddymässig, die armen, wehrlosen Klöpferchen reindrücken, so eine Art McDonalds für Bären sozusagen, Bienenstöcke plündern und ähnliche kurzweilige Dinge mehr. Vergrämungsaktionen brachten nichts, ebenso wenig die Versuche, ihn einzufangen (s. w. u.). Letztendlich fiel die Entscheidung zu schießen, denn es war nur noch eine Frage der Zeit, dass ihm irgendwann ein Bürger im Weg gestanden hätte. Ein Bär verteilt dann zur Warnung Ohrfeigen. Ein anderer Bär versteht das und, vor allem, verträgt das. Menschen nicht. Das Ganze hat im Anschluss sogar den damals zuständigen (bayrischen) Minister das Amt gekostet! Warum? Weil er nichts anderes getan hat als das, was nach meinem Verständnis von einem hoch bezahlten Landesbediensteten getan werden muss: Gefahr in Verzug, Lage analysieren, Gründe, Gegengründe abwägen, Entschluss fassen und auch dazu stehen! Auch wenn man mal nicht so gut dasteht beim Baur und der Neuen Revue. Ich kann mir den Aufschrei aller Kritikaster gar nicht vorstellen, wenn der Minister damals nichts getan hätte und der Bär einen Menschen zu Schaden gebracht oder sogar getötet hätte!

Wir sehen, abgesehen vom eigenwilligen Verständnis der Schweizer in Bezug auf ihren Umgang mit den Steuerbehörden ihres kleineren Nachbarn Deutschland: Hinsichtlich des unverkrampften Umgangs mit Bären können wir bei ihnen  lernen. Zum Beispiel wie man vermeidet, sich lächerlich zu machen. So wie wir Deutschen damals mit den hastig angeheuerten und eingeflogenen Bärenjägern aus Finnland, die dann mit ihren karelischen Bärenhunden Bruno nachrennen mussten und ihn einfangen sollten. Ich weiß zwar nicht, was die Finnen damals so gedacht haben. Zumindest aber, das unterstelle ich, werden sie sich gefragt haben: Warum machen die Deutschen diesen gut bezahlten Schwachsinn eigentlich nicht selbst?  Gesagt haben sie sowieso nichts, Finnen sind bekannt dafür, dass sie kaum reden, wohl, weil sie wissen, dass das, vor allem in solchen Fällen, sowieso völlig zwecklos ist. Erst recht in Deutschland. Wahrscheinlich hatten sie aber wunde Zeigefinger und Beulen an der Stirn, und sehr, sehr wahrscheinlich haben Sie Bruno auch deswegen nicht gekriegt, weil sie vor Lachen zu schlapp zum Laufen waren.

2. Was weiter auffällt, ist die schöne Formulierung „Wildhüter“. Weil das nämlich viel besser klingt als „Jäger“. Meine persönliche Theorie: Die Bezeichnung „Wildhüter“ ist, psychologisch ein geradezu abgefeimt raffinierter Schachzug, kreiert worden von Jagdgegnern. Denen hat nach jahrelanger heftigster Agitation gegen die Jagd gedämmert, dass es ganz ohne Jagd denn dann eigentlich auch nicht funktioniert. Weil man nun aber die Jäger so lange heftig diffamiert und deren Ruf und den Begriff „Jäger“ gründlich ruiniert hatte, musste, Fehler zugeben geht ja nicht, eine andere Bezeichnung her. Wildhüter! Ja, da liegt´s! Das wurde mit Hilfe sämtlicher Publikationsorgane der seichteren Art mit Begriffen wie „Naturschutz, vom Volk bestellt, zum Nutzen der Natur“ verknüpft und mit Legende versehen. Ein Wildhüter nämlich hütet seine Bambis, bringt sie abends zu Bett, macht morgens Frühstück im Wald und schießt nur unter laut vorgebrachtem Protest und Wehklagen, hemmungslos weinend und auch nur nach Androhung von Sippenhaft.

Aber Jäger. Ich hab´s, glaube ich,  an anderer Stelle auch schon mal erzählt, aber ich wiederhole es hier noch einmal. Ich weiß nicht, ob Sie den folgenden Satz so auch schon gehört haben: „Wie, Sie sind Jäää-ger??“ Wobei sich der Tonfall von leicht indigniert am Satzanfang verwandelt in unausgesprochenen, aber flammenden Protest zum Satzende. (Untergründig schwingt mit: Bisher habe ich Sie immer für einen anständigen Menschen gehalten.) Das furiose Finale ist dann die Modulation des Wortes „Jäger“: Schon angesetzt in hoher Stimmlage, überdehnt, mit betonter Trennung der Silben, nochmalige Steigerung der Tonlage bei der zweiten Silbe. Ich erinnere mich an mein erstes Mal, die Party damals war (für mich) zu Ende. Mir blieb nur noch geordneter, aber eiliger Rückzug; mit Verbrechern verhandelt man nicht. Ich war jung damals. Unerfahren. Aber man lernt. Seitdem gebe ich grundsätzlich nur noch das zu, was mir zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Und ohne Anwalt geht gar nichts mehr.

Trophäensammler, Lustmörder, Bambikiller – das sind so die gängigsten Assoziationen. Ein ganz gefährlicher Mitteleuropäer. Beginnend mit dem allmorgendlichen Erwachen hat er nichts als Mord und Untaten im Sinn, noch im Einschlafen ist sein einziger Gedanke: Was bringe ich morgen um? Vor Tau und Tag sitzt er, Mordgier in den funkelnden Augen, auf allen möglichen Hochsitzen herum und geht mit seiner Mitrailleuse reflexhaft in Anschlag auf alles, was sich bewegt. Ja es ist sowieso nur Gottes weiser Vorsehung (selbst ein Jäger muss mal schlafen!) und der hohen Intelligenz unseres Wildes zu verdanken, dass es überhaupt noch lebende Wesen über Mausgröße in des Schöpfers freier Natur gibt.

Spaß beiseite, beschäftigen wir uns mit den Fakten: Was unterscheidet das Tun der beiden denn eigentlich wirklich? Verblüffende Antwort: Zunächst nichts. Einfach nichts.

  • Beide stellen Tieren nach. Auch beim „Wildhüter“ ist der Bär ja nicht von sich aus zur Exekution vorstellig geworden.
  • Beide schießen ab und an auch Tiere tot. Bruno und sein Bruder wurden ja nicht sanft eingeschläfert oder zum sofortigen Suizid- Vollzug aufgefordert.
  • Beide kommen einem Auftrag nach. Der Jäger dem der Gesetze zur Hege und Pflege der Wildbestände und der Natur. Der Wildhüter auch.
  • Beide haben Freude an ihrer Tätigkeit. Der Jäger sowieso, sonst würde er nicht einen solchen immensen Zeitaufwand treiben, so unverschämt viel Geld zahlen für eine Tätigkeit, die, wäre sie nicht sowieso vom Gesetz gefordert, von der ökologischen Vernunft gefordert werden müsste.
  • Der Wildhüter ebenso. Hätte er keine Freude an seiner Tätigkeit, wäre er ein schlechter Wildhüter und sollte möglichst schnell entlassen werden.

Also, die ganze Aufregung umsonst? Nein! 

Einen wesentlichen Unterschied gibt es:

  • Der Wildhüter bekommt Geld für seine Tätigkeit, genießt großes Wohlwollen und einen guten Ruf bei der Bevölkerung –  und bei Jagdgegnern!
  • Der Jäger zahlt viel Geld für die gleiche Tätigkeit und ist Buhmann und Blitzableiter der Nation. Der der Jagdgegner sowieso. Und natürlich auch der der Presse.

Was lehrt uns das? Wenn zwei dasselbe machen, ist es noch lange nicht das gleiche. Quod licet jovi, non licet bovi. (Zur Klarstellung: Die Ochsen sind dabei die Jäger.)

Man schreibt eben nicht gegen eine Mehrheit von 82.000.000 zu 350.000 (oder 228 : 1). Auch nicht, wenn´s wahr ist.

Kirchveischede, 24. September 2008

Manfred Nolting; Jäger (oder Wildhüter?)

Auf jeden Fall: Ein Jagdmensch

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