Das „ökologische Gleichgewicht“

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„Natürliches“ oder „ökologisches Gleichgewicht“

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Ein wahrhaft erschlagender Begriff!! Überaus eifrig in Gebrauch, ist er die Totschlag- Keule unserer Weltenretter, mit denen sie jeden Einwand gegen ihre Visionen und Utopien wirkungsvoll abwürgen. Und sie machen eifrig Gebrauch davon!! Zunächst einmal: Es besteht Einigkeit darüber, dass „natürliches“ und „ökologisches Gleichgewicht“ als Synonyme verstanden werden und im sprachlichen Gebrauch sind. So werde ich im Folgenden beide Begriffe verwenden und dabei dasselbe meinen.

Was ist denn nun das ominöse „natürliche Gleichgewicht“? 

Wie ist es definiert, nach welchen Regeln und Messgrößen (die dann ja allgemein anerkannt sein müssten, nebenbei bemerkt)? Und wer definiert es? Das sind ganz einfache Fragen. Und niemand kann sie bündig und abschließend beantworten, auch der renommierteste Wildbiologe und Umweltforscher nicht. Jeder macht sich sein eigenes „ökologisches Gleichgewicht“ und verteidigt es verbissen gegen jeden Angriff.

Aber wer  sollte denn am „ökologischen Gleichgewicht“ etwas auszusetzen haben?  

Grundsätzlich alle und jeder! Aber immer nur an dem des jeweils anderen. Denn das „ökologische Gleichgewicht“ eines NABU-, BUND- oder Grünen- Funktionärs z. B., die die ausufernden Bestände des Kormorans in Europa mit Zähnen und Klauen gegen jede Regulierung verteidigen, deren „ökologisches Gleichgewicht“ also ist ein völlig anderes als z. B. das der Fischbiologen und Angler, die ihre jahrzehntelange Arbeit durch ideologische Haltebefehle vernichtet sehen. Ihr „ökologisches Gleichgewicht“ ist das vor dem Massenauftritt der Kormorane, und auch sie wissen das bestechend logisch zu begründen.

Das „ökologische Gleichgewicht“ mancher Forstbeamten und Waldbauern z. B., die ja bekanntlich völlig wildfreien Wald für erstrebenswert halten, weil das natürliche Verbeißen des Rehwildes ihre Ertragsrechnung negativ beeinflusst, ist ein völlig anderes als das des Jägers, erst recht des Überhege– Jägers, die der Meinung sind, dass ein angepasster Wildbestand (Jäger) bzw. ein möglichst hoher Wildbestand (Überhege- Jäger) natürlich ist.

Das „ökologische Gleichgewicht“ von Singvogel- Liebhabern unterscheidet sich grundlegend von dem „natürlichen Gleichgewicht“ der Elstern- und Katzenfreunde.

Was lernen wir also aus all dem? Die einfache Tatsache, dass ein entscheidendes Kriterium zur Definition des „ökologischen Gleichgewichts“ der jeweilige Standpunkt, die jeweiligen persönlichen Prämissen und Wertmaßstäbe des Definierenden ist. Einstein hat das glänzend bewiesen: Alles ist relativ, es kommt halt immer auf den Standpunkt an. Man kann auch sagen: Wes Brot ich ess´, des Lied ich sing´.

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Gibt es denn noch andere Kriterien?

Aber sicher. Unzählige. Zum Beispiel die zeitlich bestimmten. Das „ökologische Gleichgewicht“ vor 100 Jahren etwa war ein völlig anderes als das „ökologische Gleichgewicht“ heute. Weil sich die Wertmaßstäbe geändert haben, natürlich. Weil sich der Kenntnisstand der Wissenschaft weiterentwickelt hat, natürlich. Weil die öffentliche Wahrnehmung sich geändert hat, siehe unser Disneyworld- Phänomen. Weil die Medien einem gewissen Hype nachhängen, Geschäft ist Geschäft. Und sehr wahrscheinlich wird das in 100 Jahren nicht anders sein.

Dann gibt es noch regional bestimmte. Und klimatisch definierte. Und und und ………

Aber wenn es so viele Arten, Ausprägungen, Definitionsmöglichkeiten gibt, wer blickt denn da noch durch? Und gibt es so etwas wie das „ökologische Gleichgewicht“ als gültigen Begriff denn überhaupt? 

Ja sicher. Aber immer nur für diese Sekunde. An diesem Ort. Nirgendwo anders sonst, zu keiner anderen Zeit sonst. Nur hier, jetzt. Oder, anders ausgedrückt: Was hier gerade bestens funktioniert, kann einen Kilometer weiter ein völlig anderes Aussehen, andere Komponenten und Akteure haben. Und immer sind alle Komponenten und Akteure Bestandteil dieses Gleichgewichts, also auch wir! (s. weiter unten) Und im nächsten Augenblick existiert wieder ein neues „ökologisches Gleichgewicht“. Weil gerade die riesige, 400 Jahre alte Buche vom Sturm gefällt wurde und ein riesiges Loch im Bestand geschaffen hat. Sie fällt aus, von jetzt auf gleich, als Nahrungsproduzent (Bucheckern), als Lebensraum und Symbiose- Partner. Weil ich vielleicht gerade ein Reh geschossen habe, damit eine Lücke geschaffen habe, auf das alle anderen Biotop- Nutzer und das Biotop selbst im Umkreis reagieren. Und sie müssen reagieren, es geht gar nicht anders. Sie tun das, sofort, unbewusst, immer. Und schaffen damit, ohne das zu wissen oder zu wollen, sofort ein bestens funktionierendes, neues „ökologisches Gleichgewicht“. Indem die unzähligen groben, feinen und feinsten Determinanten, Stellgrößen umgehend aufeinander reagieren, sich neu aufeinander einstellen und korrigieren; sie „wechselwirken“, wie die Physiker das nennen. Wie? Ganz einfach:

Der Jäger, der gerade das Reh erbeutet hat, stellt seine Jagdaktivitäten an dieser Stelle für eine Zeit ein, der Jagddruck ist damit schlagartig zumindest für eine Zeit beendet, Entspannung tritt ein mit allen Verhaltensänderungen und deren Folgen auf die Umgebung. Es wird für eine Zeitlang woanders gejagt, sowohl vom gerade erfolgreichen Jäger als auch von anderen, denn das „Bestandsreh“ ist ja weg. Ein Jungbaum, der sonst verbissen worden wäre, wächst auf, mitsamt seinen unmittelbaren Symbiosepartnern, Pilzen, Flechten, Moosen, Insekten, Insektenfressern, Fressern von Insektenfressern. Später dann rückt ein anderes Reh nach an die Stelle des geschossenen. Usw. usw. Und die ganze Zeit existiert diese schöne Welt weiter. Mit immer neuen „ökologischen Gleichgewichts- Zuständen“, jede Sekunde, überall. Die alten Griechen bezeichneten das mit dem Satz „panta rhei“ – alles fließt.

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Ein Beispiel

Schauen wir uns einmal folgende Geschichte an: Im Ruhrgebiet, ich stamme daher, hat es bekanntlich einen der gravierendsten Umbauten an der Landschaft in der Geschichte der Menschheit gegeben, über mehr als zwei Jahrhunderte. Und immer entstanden neue „ökologische Gleichgewichte“, mit jedem Fluss, der begradigt wurde oder als Kloake Verwendung fand. Mit jeder Wald-, Wiesen- oder Ackerfläche, die zugebaut und zubetoniert wurde, als Zeche oder sonstige Industrieanlagen. Verschwand das Leben? Nein, es veränderte sich, genauer gesagt, es veränderte sich die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaft von Pflanze und Tier; einzelne Mitglieder verschwanden völlig an diesem Standort, andere wanderten zu. Aber Leben war immer da.

Dann verschwand die Industrie, Zechen, Kokereien, Stahlwerke mitsamt ihren Halden und riesigen Freiflächen wurden aufgegeben. Natürlich fanden sich keine industriellen Nachnutzer, die Flächen und Anlagen lagen brach, teilweise Jahrzehnte lang. Niemand beachtete sie. Die Menschen im Ruhrgebiet sind damit aufgewachsen und empfanden sie als normal, die „Umweltschützer“ fanden, dass damit kein Staat zu machen und vor allem keine Gelder zu sammeln seien. So kam es, dass diese Flächen sich unbemerkt, völlig auf sich allein gestellt und unbeeinflusst, von Brachflächen mit ihrem typischen „ökologischen Gleichgewicht“ über Ruderalflächen mit ihrem typischen „ökologischen Gleichgewicht“ zu den heutigen Trocken- und Feuchtbiotopen mit ihren jeweilig typischen „ökologischen Gleichgewichten“ entwickeln konnten.

Vor ein paar Jahren wurde man in „Naturschützer“- Kreisen dann auf diese Flächen aufmerksam. Die waren völlig perplex – das alles ohne Planung durch uns Übermenschen? Aber nach der ersten Schreckstarre kam prompt, was kommen musste: Die aggressive Forderung nach sofortiger Unterschutzstellung, natürlich unter ihrer Aufsicht, steuerfinanziert. Mit der Folge natürlich, dass damit das jetzige „ökologische Gleichgewicht“, die Pflanzen- und Tiergesellschaften in ihrem jetzigen Status „eingefroren“ werden. Ohne jede Chance, sich weiterzuentwickeln. Tja, so geht´s natürlich auch. Das Gleiche passiert im Übrigen tagtäglich in unseren Kulturlandschaften – durch Nutzung der Flächen, Pflege der land- und forstwirtschaftlichen Kulturen, durch regelmäßige Ernten und Wiederanpflanzungen wird der Zustand der Kulturlandschaft künstlich erhalten. Wie es zum Beispiel großflächig auch in der auf weite Strecken nicht mehr in der alten Form (Schnuckenbeweidung, Plaggenwirtschaft) genutzten Lüneburger Heide geschieht. Mit einem Unterschied zur wirtschaftlich genutzten Kulturlandschaft allerdings: Hier muss der Steuerzahler Geld in die Hand nehmen, es werden keine Erträge mit der Landschaftspflege erwirtschaftet, wie Land- und Forstwirte das tun, in solchen Fällen kostet die Landschaftspflege sogar erhebliche Steuergelder.

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Misanthropie? Oder doch nur Geschäft? 

Was ich mit alldem sagen will: Wir Menschen, das unterschlagen diese Öko- Päpste/innen regelmäßig, wir Menschen sind ebenfalls Bestandteil, Akteure dieser Ökologie, dieser Welt. Sicher, wir verändern unsere Umwelt, um sie für uns besser nutzbar zu machen. Aber nicht nur wir tun das.

  • Einzeller tun das. Vor etwa 2,5 Milliarden Jahren veränderten die sich massenhaft im Wasser verbreitenden Vorläufer der heutigen Cyanobakterien die Lebensbedingungen auf der Erde entscheidend. Sie „erfanden“ die Nutzung des Sonnenlichts zur Photosynthese und setzten als Abfallprodukt massenhaft Sauerstoff (O2) frei, ein hoch reaktives Gas. Diese Zufuhr von Sauerstoff führte natürlich zu einer entscheidenden Veränderung der Atmosphäre, und zwar von einer vorher sauerstofffreien hin zu einer stark sauerstoffbetonten Atmosphäre. Das wiederum führte zum Massensterben der damals existierenden anaeroben Lebensformen. Ohne diesen freien, also chemisch nicht gebundenen Luft-Sauerstoff aber wäre das Leben in seiner heutigen Form gar nicht erst entstanden. Und unsere Eisenerz- Lagerstätten, ganz nebenbei bemerkt, auch nicht. Immerhin das Zeugs, das unsere Industrialisierung ermöglicht hat.
  • Elefanten tun das, indem sie einfach massenhaft Bäume umstürzen, um an das begehrte Laub zu kommen mit der Folge, dass, zumindest regional, Savannen- Landschaften sich umwandeln in Grassteppen.
  • Rehe und Elche tun es mit ihrem Verbiss an aufkommenden Bäumen, nicht aus Bosheit, sondern um ihre ökologische Nische, nämlich durch Sturm oder Brand geschaffene baumfreie Flächen mit ihrer Randvegetation, auf die sie angewiesen sind, so lange wie möglich zu erhalten. Das Verhalten ist ihnen einfach angeboren, es liegt auf ihren Genen und im System, im Regelkreis.
  •  Vor allem Biber tun das. Wenn sie ein Bachtal aufstauen, vernichten sie ganze Ökosysteme – angefangen von Mäusen, sonstigen erdbewohnenden Nagern, Insektenfressern wie Maulwürfen (streng geschützt!) und Spitzmäusen, Insekten selbst, kurz, alles, was unter der Erde lebt und nicht ausweichen kann. Dazu kommen noch die Pflanzenpopulationen, vor allem die sonst hysterisch geschützten Feuchtwiesen, Weichholzauen etc.. Die dann noch dazu als Nahrungsbasis für eine Vielzahl unseres Wildes wegfallen – Rehe, Hasen, Rotwild u. v a. m.
  •  Und, natürlich, Menschen tun das. Und schaffen damit permanent andere „ökologische Gleichgewichte“, mit immer anderen Tier- und Pflanzengesellschaften, eine schöner und ästhetischer als die andere, alte. Hermann Löns beschreibt das sehr anschaulich in seiner Erzählung „Die Gefolgschaft des Menschen“.

Um eines klar zu machen: Niemand kann mehr ernsthaft wollen, aus reinen Profitgründen mit Räumbaggern und dergleichen mehr großflächig und gedanken- und bedenkenlos durch unsere Landschaften zu planieren. Es besteht auch keine Notwendigkeit mehr, großflächig z. B. Moor-, Feuchtgebiete trockenzulegen, um Anbauflächen zu gewinnen, in früheren Zeiten eine Frage des Überlebens. Und über das Thema, Flüsse, Umwelt an sich aus reinem Profitstreben zu verseuchen, brauchen wir gar nicht mehr zu reden; die Theorie der Verfügungsrechte gibt einen interessanten Blick auf das Thema. Der Mensch geht heute sorgsamer vor, wägt das Für und Wider, Vor- und Nachteile ab; die Allgemeinheit ist sehr viel wachsamer geworden, die Einstellung, dass das Land, die Umwelt allen gehört, hat Eingang gefunden ins öffentliche Bewusstsein. Aber selbst wenn wir es weiter täten: Die Natur käme damit spielend klar, sie hat wahrhafte Katastrophen weggesteckt, da kann sie über unsere Spielereien lachen.

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Nur Geschäft!

Weil eine zunehmend militant agierende Interessengruppe es geschafft hat, aus diesem Gemenge aus Unsicherheit, Angst und fehlender Information ein hoch lukratives Geschäftsfeld zu entwickeln, das es natürlich mit allen Mitteln zu verteidigen gilt. Mit hoch professionellen Strukturen, durch 1.000 Prozesse gestählt, stemmen sie sich reflexartig gegen jede Veränderung unserer Umwelt, immer mit dem Totschlag- Argument der „Störung des ökologischen Gleichgewichts“. Das sie praktischerweise vorher selbst definiert haben. Und wir, die mittlerweile massiv Gegängelten, wir selbst haben ihnen bereitwillig das nötige Gängelungs- Instrumentarium an die Hand gegeben, sie parlamentarisch abgenickt – Recht auf Verbandsklage, andere teils völlig hirnrissige Gesetze und Durchführungsverordnungen.

Die Folgen davon sehen wir tagtäglich. Nicht ein einziges größeres Investitions- Vorhaben, sei es noch so sorgfältig geplant und noch so sehr durch geltendes Recht gedeckt, geht ohne Klage oder wenigstens Androhung einer Klage durch – die dann oft genug nach Zahlung einer „freiwilligen Spende“ in Millionenhöhe zurückgezogen wird. Davon gehen dann 20 % in irgendeine obskure „Ausgleichsmaßnahme“, die anderen 80 % landen auf den entsprechenden Gehaltskonten. Für den Investor aber immer noch billiger, als jahrelang durch alle Verwaltungsgerichts- Instanzen prozessieren zu müssen, oft genug auch noch konfrontiert mit tendenziell grün- rot angehauchten Behörden, vor allem zeitgeistgerecht grün durchtränkter Presse. Diese „Umweltschutz- Manager“ gehen dabei mit einer so überheblichen Arroganz, einem so dreisten Anspruchsverhalten an die Öffentlichkeit und vor die Gerichte, dass manche Unternehmer sich vor dieser Chuzpe die Augen reiben und einige sie sich glatt zum Vorbild nehmen. Ganz sicher gab es Zeiten, in denen entschlossener Widerstand nötig war, um flächendeckenden, massivsten Umweltzerstörungen Einhalt zu gebieten – ich denke hier an die 50er, 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Aber diese Zustände sind längst abgestellt, und es wird höchste Zeit, wieder zu einer realistischen Betrachtung der Welt und ihrer Entwicklung zurückzukommen.

Diese Experten unterschlagen konsequent eine Tatsache, die auch die Öffentlichkeit sich nicht klar genug macht: Der Mensch steht nicht über dieser Natur (wo habe ich den Satz bloß gehört?), er ist nicht ihr Herr, der ohne Rücksicht auf andere und auf Kosten anderer bedenkenlos Raubbau treiben sollte. Das ist eine Binsenweisheit. Aber er ist auch kein Alien, das von Alpha Centauri auf die Erde gekommen ist, sondern er ist Bestandteil dieser Natur, dieser Umwelt, mit allen Rechten, die jedes Mitglied daraus ableiten darf. (Auch das zur Jagd, nebenbei bemerkt.)

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Die Natur

Ja, Rechte. Rechte haben wir alle. Nur Pflichten nicht. Jedenfalls nicht per se. Pflichten nämlich, das ist das Danaergeschenk von Mutter Natur, Pflichten werden keinem auferlegt, im Umgang mit der Natur kann man sie sich allenfalls selbst auferlegen. Eine Pflicht setzt eine allgemein akzeptierte Regel, eine Erwartungshaltung der Umgebung, der Gesellschaft an das individuelle Verhalten voraus. Genau darauf verzichtet die Natur völlig. Sie lässt gewähren, gibt uns uneingeschränkte Freiheit zur Entscheidung – und reagiert dann. Gelassen, aber knallhart, ohne Vorwarnung und Kulanz. Sie serviert uns die Rechnung und treibt sie ein, sofort oder später, ohne jede Nachsicht, und die Konsequenzen sind zu tragen. Unsere bewährte Freundin, die Flucht in bequeme Lethargie, in Passivität, hilft allerdings auch nicht weiter. Denn die Konsequenzen aus dem, was man nicht tut, also unterlässt, die gehören ebenso dazu, auch darüber müssen wir uns im Klaren sein.

Deswegen auch der Begriff „Danaergeschenk“: Natur warnt nicht vor eventuellen Folgen, weder uns noch sonst wen, es gibt auch keine der heute so beliebten Geld- zurück- Garantien. Das ist die Kehrseite der begehrten Medaille „uneingeschränkte Entscheidungsfreiheit“. Weil sie, die Natur, keine Unterschiede macht zwischen dem Menschen und sonstwem. Wir sind für sie ein Mitglied der Mischpoke. Ein mehr als alle andere ungebärdiges, oft bedenkenlos zerstörerisches, sehr effizient wirkendes, intelligentes Mitglied – aber eben ein Mitglied. Ein ungezogenes Kind, wenn man so will. Mit einer Mutter, der Natur, die in puncto Nachsicht so gar nichts gemein hat mit unseren biologischen Müttern.

Natur reagiert über Regelkreise, egal wie, ob zum vermeintlich Guten oder zum vermeintlich Schlechten hin. Und was gut oder schlecht ist, das stellt sich meist erst lange, lange nach dem Eintritt der Folgen heraus, es ist darüber hinaus auch noch abhängig vom Zeitgeist, von der persönlichen Einstellung zu den eintretenden Ergebnissen und Veränderungen. Und, wie so oft bewiesen: Natur macht aus vermeintlichen Ruinen Paradiese, aus vermeintlich „unwiederbringlich Zerstörtem“ wahre Juwele; sie braucht nur ihre Zeit, und sie nimmt sie sich. Man muss eben Geduld haben. Und die Fähigkeit und Bereitschaft, diese Paradiese auch zu erkennen und anzunehmen. Siehe die Lüneburger Heide. Sie war jahrhundertelang als Ödnis verschrien, als langweilige, unfruchtbare Wüstenei. Bis sie, bezeichnenderweise vom Wohlstandsbürger des beginnenden Industriezeitalters, als faszinierende Landschaft entdeckt wurde und „in Mode“ kam, allerdings auch prompt wieder ins romantisierende Klischee gepresst wurde.

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Planung und Zukunft 

Planung bezieht sich auf die Zukunft, vor allem auf die entferntere. Es gibt keine Planung für die Vergangenheit, höchstens mehr oder weniger genaue Beschreibungen, mehr oder weniger nachvollziehbare Erklärungen für das, was geschehen ist. Es gibt auch keine Planung für die Gegenwart, nur Aktion, im günstigsten Fall als gerade umgesetzte Planung. Der Mensch jedenfalls ist, zumindest nach allem, was wir wissen, auf dieser schönen Welt die einzige Spezies, die sich über die Auswirkungen ihres Tuns im Voraus ein ungefähres Bild machen kann bzw. es zumindest bei gutem Willen machen könnte und sollte, und zwar auch für die entferntere, nicht nur die unmittelbare Zukunft. Wir sind damit in der Lage, zukünftige komplexe Handlungsstränge und Ereignisabfolgen und ihre voraussichtlichen bzw. beabsichtigten Auswirkungen gedanklich vorwegzunehmen –  die klassische Definition des Wortbegriffs „Planung“.

Allerdings mit der Einschränkung, dass mit steigender Komplexität von Handlungsabläufen, zum Beispiel mit steigender Anzahl der Protagonisten und damit miteinander verwobener und jeweils aufeinander einwirkender Handlungsstränge, das Endergebnis immer unberechenbarer wird; die Anzahl der potentiell möglichen Ergebnisse wächst exponentiell mit jedem Akteur, jedem Interesse, jedem Faktor (vor allem dem Faktor Zeit!), der hinzukommt. Das erklärt auch, warum unsere Wirtschaftsweisen jede gestellte Prognose zur Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Lage mit schöner Regelmäßigkeit spätestens ein halbes Jahr nach Stellung derselben wieder revidieren müssen, natürlich bestens begründet mit Entwicklungen, die man einfach nicht voraussehen konnte. Planwirtschaft, das war der historische Irrtum des Kommunismus, funktioniert schon in der Volkswirtschaft nicht, geschweige denn in der Natur.  Aber man versucht es immer wieder. Und, unfassbar, man bezahlt ein irres Geld dafür.

Clausewitz hat das in seinem Werk „Vom Kriege“ so zum Ausdruck gebracht: Ein Krieg ist so lange planbar, bis der erste Schuss gefallen ist. Bis dahin kann man sich behelfen mit statistischen Wahrscheinlichkeiten, die rechnerisch so schön darstellbar sind. Und stehen Zahlen da, gibt uns das Sicherheit. Vergessen wird nur, dass diese exakten Zahlen in Wirklichkeit eben nur Wahrscheinlichkeiten darstellen. Wahrscheinlich aber, das sagt schon das Wort, ist keineswegs sicher. Mit dem ersten Schuss im Krieg, mit dem ersten tatsächlichen Ereignis einer geplanten Aktion übernimmt dann die Realität das Ruder. Und genau deswegen ist das Leben so schwer. Und so spannend und schön. Trotzdem, in gewissen Grenzen können wir planen, und wir können damit zumindest theoretisch, entsprechende geistige Kapazitäten vorausgesetzt, die Folgen unseres Tuns und Lassens voraussehen – oder zumindest ahnen. Wenn diese wahrscheinlichen Folgen dann auch oft verdrängt werden. Aber selbst, wenn wir es ahnen, schlimmer noch wissen, wir versuchen es trotzdem oft genug. Motto: Es wird schon gut gehen. Genau das aber hat Murphy mit seiner resignativen Ansage widerlegt:  Alles, was schiefgehen kann, geht garantiert auch schief. Man sieht, zumindest homo sapiens sapiens verfügt rein theoretisch über alle denkbaren Instrumente zur Beherrschung seines Lebens. Meistens verstauben sie aber ungenutzt in irgendeiner Ecke der Hausbibliothek.

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Tiere und Planung

Kommen wir jetzt zu unseren Tieren. Fest steht: Tiere kennen weder Murphy noch haben sie generell diese Fähigkeit bzw. sie haben sie nur für relativ einfache Abfolgen. Ich habe das an anderer Stelle ausgedrückt mit dem Satz: Tiere leben nie im Konjunktiv. Sie tun also einfach, was sie tun, oft impulsiv, manchmal auch in Bezug auf kurzfristige, unmittelbare  Ziele erstaunlich durchdacht und geplant, siehe das Jagdverhalten von Rudeljägern wie Wölfen, afrikanischen Wildhunden, Hyänen. Dieses hoch komplexe, ausdauernd auf ein Endziel gerichtete und dabei situationsangepasst flexible Verhalten unter Beachtung und Miteinbeziehung der Aktion der Mitjäger!  ist nicht durch Instinkt zu erklären, sondern nur durch hohe individuelle Intelligenz. Immer aber tun Tiere das, was sie tun, ohne irgendwelche langfristige Folgen zu bedenken, bedenken zu müssen oder zu können. Sie agieren, sie tun, sie verändern. Was dann passiert, nenne ich den initiierten Zufall. Eine Kausalkette beginnt, die man in ihrer ungeheuren Komplexität einfach nicht bis in die Details voraussehen, geschweige denn planen kann. Es geschieht einfach, was geschieht. Alles, was Du zur Vermeidung hättest machen können, hättest Du schon vor langer Zeit tun müssen. So sieht sie das auch, die Natur, und sieht völlig ungerührt dem zu, was gerade abläuft. Wenn es möglich ist, repariert sie. Ihre Instrumente sind dann vielfältig und fast genauso unberechenbar – das reicht von leichten Korrekturen bis hin zum lokalen oder auch kompletten Aussterben ganzer Arten. Das Motto ist: Tue was Du willst – und trage die Folgen. Das ist eine Binsenweisheit. Bisher hat das Geschäft immer gut funktioniert, seit vielen Millionen Jahren.

Seit einiger Zeit jedoch gibt es ernsthafte Versuche, den Menschen aus diesem Regelkreis zur Gänze herauszunehmen, weit über die Verpflichtungen hinaus, die ihm seine Fähigkeit zum Planen sowieso schon vorgibt. Vor allem aber dieses „Alles-ist-gut,-nur-der-Mensch-ist-schlecht“- Getue geht einem auf die Nerven. Das Muster ist immer das Gleiche:

Wenn ein Wolfsrudel einen Rothirsch reißt, ist das geradezu toll – wenn ein Jagdmensch einen Rothirsch schießt, ist das neandertaloides Gehabe. Wenn ein Teichwirt ein Wiesental flutet, um einen Karpfenteich anzulegen, ist das mutwillige Zerstörung der Landschaft und, natürlich, Störung des „ökologischen Gleichgewichts“, denn „es saufen ganze Maulwurf- und Hamsterpopulationen, Pflanzengesellschaften ab“ – wenn ein Biber das tut, ist das Natur pur und wird geradezu hysterisch bejubelt.  Wenn Jäger in Holland jagen gehen wollen, ist das krank – wenn Naturschutzverbände in Oostvardersplassen über Jahre hin Hunderte von Hirschen, Rehen und Rindern ungerührt verhungern lassen, ist das Natur. Wenn ein Wolfsrudel in Nordamerika in seinem neuen Revier sämtliche Coyoten tötet (man nennt das IGP für Intraguild predation, also das rigorose Ausmerzen von Nahrungskonkurrenten), ist das der natürliche Gang der Dinge – wenn bei einer Drückjagd in Hessen 70 Füchse geschossen werden, ist das eine Klage wert. (Die dann bezeichnenderweise auch noch zur Entscheidung angenommen wird, nebenbei bemerkt.)

Kurz: Wir lassen uns immer wieder von einigen Misanthropen deren geradezu krankhafte Abneigung gegen die eigene Spezies um die Ohren schlagen. Statt sich kritisch mit den Pöbeleien zu befassen und sie auf ihre Plausibilität, ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, reagiert die Öffentlichkeit in gewohnter Weise geradezu reflexartig und stereotyp mit einem kollektiv schlechten Gewissen. Mit der bekannten Folge – man lässt sie machen und finanziert ihr Geschäftsmodell mit Steuergeldern. Dann hat man wenigstens seine Ruhe.

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Nur Zerstörer?

Es wird Zeit, dass man die überhebliche Anspruchs-, Kontroll- und Regulierungsmanie einiger selbst ernannter Päpst/innen endlich mal wieder auf das Normalmaß zurückstutzt. Und es wird Zeit, dass wir uns selbst und unsere Rolle in der Natur nicht mehr nur mit der misanthropischen Brille betrachten. Schließlich steht ja auch bei uns einiges auf der Uhr, und wir brauchen uns in manchen Bereichen wahrhaftig nicht zu verstecken.

Wer außer uns wäre in der Lage gewesen, das heutige Weltnaturerbe Lüneburger Heide zu erschaffen? Die Senne bei Bielefeld? Unsere Truppenübungsplätze als Natur- Eldorados? Die Reisterrassen in China mit ihren Wahnsinns- Tier- und Pflanzengesellschaften? Die Hochalmen in den Alpen? Den Spreewald mit seiner in der Welt einmaligen Bewirtschaftungsweise und Pflanzen- und Tiergesellschaft? Die Eichenwälder des Spessarts? Allesamt Landschaften, deren Schaffung zum Zeitpunkt ihrer Gestaltung nach gerade gültiger Definition der Weltverbesserer einen schweren Eingriff in das jeweilige „ökologische Gleichgewicht“ darstellte – und heute als Welt- Naturerbe unter Schutz stehen. Tun Sie sich einmal den Gefallen und googeln Sie den Begriff „Kulturlandschaften“. Sie schlagen lang hin, wie viele es davon gibt, vor allem über die Definition des Begriffs in Bezug auf weit überdurchschnittlichen Artenreichtum und Biodiversität. Und wie viele davon als so genannte „Welterbestätten“ bei der UNESCO gelistet sind.

Zugegeben, wie unsere tierischen Mitbewohner das sehen, weiß man nicht. Wir können nicht in ihre Köpfe sehen. Ich gehe aber mal davon aus, dass die es so schlecht nicht finden – sonst hätten wir nicht eine so arten- und zahlreiche Fauna in unseren Kulturlandschaften. Aber vergleichbar Schönes könnte man heute auch gar nicht mehr erschaffen, das steht mal fest. In diesem Punkt bin ich völlig sicher. Da seien BUND, NABU, Grüne und Genossen vor. Wegen der „Störung des ökologischen Gleichgewichts“.

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Kirchveischede, 24. Juni 2013

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Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

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P.S.: Ich möchte Ihnen die Definition von „Kulturlandschaft“ und die Beschreibung ihrer Eigenschaften nicht vorenthalten. Dies ist die aus Wikipedia. Aber Sie können mir glauben: Die von ernsthaften Wissenschaftlern oder Kulturphilosophen unterscheidet sich nicht wesentlich davon.

Kulturlandschaft

Kulturlandschaft bezeichnet die durch den Menschen geprägte Landschaft.[1] Wichtige Faktoren für die Entstehung und Entwicklung der Kulturlandschaft sind neben den menschlichen Einflüssen die Beschaffenheit (Standortbedingungen) des Naturraums mit seiner Fauna und Flora sowie die Wechselwirkungen, die aus der anthropogenen Veränderung des Naturraums resultieren. Allerdings gilt nicht jede durch Menschen geprägte Landschaft als Kulturlandschaft, die von der Naturlandschaft und den urban-industriell dominierten Gebieten unterschieden wird.

Beispielsweise wird unter der mitteleuropäischen Kulturlandschaft ein durch landwirtschaftliche Nutzung, die ein bestimmtes Intensivitätsniveau nicht überschritten hat, geprägtes Gebiet verstanden. Diese Nutzungsform schuf bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr artenreiche Biotope (beispielsweise Feuchtwiesen, Heiden, Streuobstwiesen), die danach im Zuge der weiteren Intensivierung der Landwirtschaft zu großen Teilen wieder verschwunden sind. Kulturlandschaften sind artenreicher als eine vom Wald beherrschte, humide Florenregion. Neben dem Struktur- und Artenreichtum (Biodiversität) gilt ihre Eigenart als entscheidendes Merkmal einer Kulturlandschaft, wodurch sich eine bestimmte Kulturlandschaft von anderen Kulturlandschaften unterscheidet. 

Und auch das:

Der Mensch steht nicht über der Natur, er ist ein Teil von ihr.

Gerade wieder gehört. Von sogenannten Umweltschützern im Fernsehen. Allerdings einmal mehr ausschließlich als Anklage missbraucht, einseitig, wie immer. Selektives Wahrnehmungsvermögen nennt man so etwas. So gut wie immer pekuniär verursacht. 

 

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Ein Kommentar zu Das „ökologische Gleichgewicht“

  1. rävjägare sagt:

    Das beste Beispiel dafür, wie effektiv sich ein neues „ökologisches Gleichgewicht“ einstellen kann, ist nichts Geringeres, als die größte Nuklearkatastrophe der Geschichte: TSCHERNOBYL.

    http://www.telegraph.co.uk/news/2016/04/23/wildlife-returns-to-radioactive-wasteland-of-chernobyl/

    Dreissig Jahre später tummeln sich da munter Elche, Bären, Biber, Wölfe und weitere Arten, die gemäß unseren hauptberuflichen Naturschützern nur mit besonderen Schutz und Subventionen in Millionenhöhe überleben könnten.

    Anscheinend hat sich die Besiedelung und Landwirtschaft vor der Katastrophe negativer auf die Artenvielfalt ausgewirkt, als die nachfolgende Strahlenbelastung.
    Aber Ähnliches kennt man ja auch hierzulande von Truppenübungsplätzen und dem ehemaligen Grenzstreifen.

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