Die viel zitierte Räuber- Beute – Beziehung

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Die viel zitierte Räuber- Beute- Beziehung

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Wie man mit einfachen Methoden seine Gefolgschaft verdummen kann

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Es gibt Menschen, die intellektuell nicht in der Lage sind, mehr als zwei Handlungsstränge oder Handlungskomponenten kognitiv zu verarbeiten. Das ist so. Solche Menschen versuchen, sich ihre Welt in dualen Wirkungszusammenhängen zu erklären. Das sind, man erschrickt, gar nicht so wenige. „Du willst nicht? Ich hau´ dir auf´s Maul“ ist so ein typischer dualer Wirkungszusammenhang.

Dann gibt es Menschen, die durchaus in der Lage sind, auch mehrschichtige Sachverhalte zu erfassen und zu verarbeiten, die intellektuell zumindest im Durchschnitt liegen, aber fatalerweise aus reiner Bequemlichkeit das selbständige Denken aufgegeben und ihre Denkfähigkeit abgegeben haben. Die suchen sich dann andere, die das Denken für sie übernehmen, sie führen. Wenn diese „Führer“ gefunden sind, merken die schnell, mit welch einfachen Instrumenten und Schlagwörtern solche Herden perfekt manipulierbar sind, und sie verlieren ebenso schnell jede Hemmung, ja empfinden ihre erworbene Führungsstellung irgendwann sogar als völlig natürlich, gottgegeben, rein auf die eigene Genialität zurückzuführen. (Ich   m u s s  einfach perfekt sein, sonst würde doch einem von denen auffallen, welchen strunzdummen Blödsinn ich erzähle). Sie heben dann völlig ab und verlieren jeglichen Kontakt zur Realität.

Trotzdem sind sie noch so weit klar, zu merken, dass es gefährlich ist, die Herde mit allzu diffizilen Gedanken lenken zu wollen. Sie erkennen die Gefahr, dass irgendwann einer aus der Herde auf den logischen Gedanken kommen könnte: „Wenn ich mich schon anstrengen muss, um zu verstehen, was der mir erzählt, dann kann ich ja eigentlich auch selbst wieder anfangen zu denken.“ Das aber ist hochgefährlich für solche Führer: Denken, einmal in Gang gekommen, ist hoch infektiös und führt in unmittelbarer Folge zu kritischer Distanz.

Deshalb werden kompliziertere Erklärungen, also die, die mehr als zwei Komponenten oder Wirkungsstränge aufweisen, unter allen Umständen vermieden. Unter allen!!! Es werden vielmehr so genannte „maximal-zwei-Komponenten- Erklärungen“ vorgesetzt. Die werden von der Herde in der Regel auch bereitwillig und gern aufgenommen, ja dann auch meist als eigenes Gedankengut sogar militant verteidigt. Wir kennen diese Mechanismen alle, aus der Geschichte, aus dem täglichen Leben, sowohl kulturell als auch spirituell.

Das Verblüffende: Verschiedene Erklärungen können sich sogar gegenseitig völlig widersprechen. Solange sie jeweils einzeln serviert werden und/ oder solche Widersprüche zum Numinosum erklärt werden, macht das überhaupt nichts. Das hat schon Goethe erkannt:

Denn ein vollkomm´ner Widerspruch
Bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Toren.
Mein Freund, die Kunst ist alt und neu,
es war die Art zu allen Zeiten,
durch eins und drei und drei und eins
Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
So schwätzt und lehrt man ungestört,
wer will sich mit den Narr´n befassen?
Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
es müsse sich dabei doch auch was denken lassen“
 
(Faust I, Szene „Hexenküche“)

(Der denkende Leser merkt natürlich sofort, auf wen Goethe damals unerhörter Weise anspielte. Aber er war Minister und ein persönlicher Freund seines Potentaten, deswegen ließ man´s ihm durchgehen. Ein Schelm, der Bezüge zur Gegenwart herstellen will!)

Weshalb ich das alles erzähle? Na ja, der konkrete Anlass ist die in NRW vorgelegte „Jagdrechtsnovelle“, ein Machwerk von 110 Seiten, voll mit abstrusem Blödsinn. So zum Beispiel mit dem geplanten weitgehenden Unterbinden der Jagd auf Prädatoren. Vulgo Fuchs, Marder, Dachs, Waschbär. 

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Die Kunst ist alt und neu

Nachdem das geklärt ist, komme ich auf eine solche typische zweikomponentige Erklärung eines in Wirklichkeit hoch diffizilen Phänomens, nämlich dem der Räuber- Beute- Beziehung. Die Erklärung des NABU, des BUND, der „Tierrechtler“ von PETA, seit neuem ja Kampfgenosse der beiden, zu diesem Thema ist immer zweikomponentig: „Die Beute reguliert den Räuber. Punkt. Und umgekehrt. Deswegen brauchen Prädatoren nicht bejagt zu werden. Und Nieder- und Schalenwild auch nicht. Amen!“ Und die gläubige Gemeinde stimmt ein: „Ita est, amen!“ Und wehe, es kommt jetzt jemand daher, der Einwände erhebt: Das kann richtig gefährlich werden, bis hin zu Brandanschlägen, zumindest aber führt es zu einem veritablen Shitstorm und zu übelsten Verunglimpfungen.

Nun zeichnet sich diese schöne Welt ja bekanntlich durch ihre Vielfalt und mannigfaltigen Überraschungen aus, gegen die einfach niemand gefeit ist, selbst wenn man ein festgefügtes, vernunftgeprägtes Weltbild sein eigen nennt. Wie nannte Gerhard Schulze das: „In jedem System ist nichts so gewiss wie der nächste Störfall.“

Beziehungen wie die oben geschilderte, also „die Beute reguliert den Jäger“, sind zwar extrem selten, aber es gibt sie. Tatsächlich! Eine davon will ich kurz vorstellen, die Beziehung zwischen Schneeschuh- Hase und Kanada-Luchs. In Kanada, wie der Name schon vermuten lässt. Hier beträgt der Anteil der Hasen an der Gesamtbeute des Luchses regional bis zu deutlich über 90 %, immer aber weit mehr als 50 %.

Mit ganz erstaunlicher Regelmäßigkeit, meistens in einem Neun- bis Zehn- Jahres- Zyklus, kommt es aber zum fast vollständigen Zusammenbruch des bis dahin stetig anwachsenden Hasenbestandes. Sie sterben einfach massenhaft an ganz profanem Hunger, nachdem der Bestand über neun Jahre stetig gewachsen ist. Trotz lebhafter eigener Vermehrung wegen des üppigen Nahrungsangebots – nach Breitenmoser bis zu acht! Junge in guten Hasenjahren pro Kätzin – kommen die Luchse mit der „Regulierung“ ihrer fast ausschließlichen Beute nicht nach, und die Hasen haben schlicht und einfach ihren Landstrich komplett kahlgefressen. Mit kurzer Verzögerung bricht daraufhin auch Luchsbestand rapide ein. Die einen, weil sie sich so auf die Hasenjagd spezialisiert ist, dass für andere Beute einfach die dafür nötigen Techniken fehlen, die anderen, die auch anders können, deswegen, weil für den hohen Luchsbestand ohne die Hasen schlicht die anderen Beutetiere nicht mehr ausreichen.

Ja, kann man jetzt verstört fragen, da haben die Typen ja Recht? Ja, in diesem sehr seltenen Fall schon. Auch wenn man dabei billigend in Kauf nehmen muss, dass beide Populationen flächendeckend eines unschönen Massentodes sterben, durch Verhungern nämlich, was bekanntlich lange dauert und äußerst unangenehm sein soll. Das so viel zitierte „natürliche Gleichgewicht“ besteht also in diesem Fall in einem zyklischen Fast- Aussterben von Hase und Luchs, gefolgt von einem 9- bis 10- jährigem Wiederansteigen beider Bestände – und das seit vielen Jahrtausenden, ohne Einwirkung durch den Menschen, und, geradezu verstörend für die Jünger der reinen Lehre, auch noch offensichtlich ohne schädliche Auswirkungen auf die Arten Hase und Luchs.

Was ist der Grund dafür? Das ist sehr einfach: Sowohl Beute Hase als auch Beutegreifer Luchs sind strenge Spezialisten, der Hase Habitats- und Nahrungsspezialist, der Luchs Beute-, also ebenfalls Nahrungsspezialist. Profan und westfälisch derb ausgedrückt: „Watt de Buer nich kennt, datt frett hei nich!“ Andere Faktoren spielen bei einem solchen Abhängigkeitsverhältnis keine große Rolle mehr, als da sind Wetter, Klima, alternative Nahrungsressourcen etc.

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Der übergroße Normalfall

Betrachten wir aber jetzt den über- übergoßen Normalfall, in unserer eigenen belebten Umwelt fast ausschließlich zu beobachten. Nehmen wir den Fuchs und seine Umgebung. Er selbst ist alles andere als ein Nahrungs- oder auch Habitatspezialist. Er frisst alles und kommt auch buchstäblich überall zurecht, sogar in U- Bahn- Stationen in London. Normalerweise lebt er zum großen Teil von seiner Hauptbeute, den Mäusen. Nur ist es leider so, dass erstens) nicht jedes Jahr ein gutes Mäusejahr ist, und zweitens) die Zeiten seines höchsten Nahrungsbedarfs, welch ein Zufall, ausgerechnet in die Brut- und Setzzeit fast alles unseres Wildes fällt. Fasanen, Rebhühner, Auer- und Birkwild, Schnepfen, Kiebitze, Wachteln, Großtrappen, Brachvögel, allesamt Bodenbrüter, brüten im Frühjahr, Hasen, Rehe, Karnickel etc. setzen im Frühjahr ihren Nachwuchs.

Beileibe nicht nur in einem schlechten Mäusejahr, da natürlich erst recht, nimmt der Fuchs aber mit großer Begeisterung und Vorliebe die brütenden Hennen, die Gelege, die Jungvögel bzw. die frisch gesetzten und leicht zu erbeutenden Junghasen, Karnickel, da, wo es gelingt, auch Kitze. Der ganz banale Grund: Sie sind viel ergiebiger als Mäuse, sie geben mit einem Beutezug ein Vielfaches an Energie und Fraß für die hungrigen Mäuler im Bau als die flinken, kleinen Nager. Er denkt also so wie wir, streng ökonomisch. Nun kann man dann ja sagen: Na ja, dann geht´s ihm wie dem Kanadaluchs, wenn er seine Umgebung leergefressen hat, sterben er und seine Welpen eben, wo ist das Problem?

Ganz abgesehen davon, dass man sich fragt, wie das Verhungern von Füchsen in Einklang zu bringen wäre mit der Disney- Weltsicht unserer „Experten“: Das Problem ist, dass das eben nicht so ist. Selbst in einem schlechten Mäusejahr und selbst wenn er in seiner erreichbaren Umgebung alles schon erbeutet hat: Der Fuchs hat überhaupt kein Problem damit, auszuweichen, auf „alternative“ Energiequellen (schönes Wortspiel!) umzustellen: Er frisst dann eben Regenwürmer, Insekten, Aas, er besucht die Ortschaften, bricht in Hühnerställe ein, frisst Abfälle, plündert Mülltonnen und säubert Rastplätze. Gammel- Obst, kalte Pommes frites, alte Döner – völlig einerlei. Eines ist sicher, er und sein Nachwuchs verhungern in der Regel nicht.

Nun kann man fragen: Na ja, warum weichen dann Rebhuhn und Co, Hase und Reh nicht aus? Ganz einfach: Weil die es nicht können. Die sind nämlich allesamt weit mehr spezialisiert auf einen oder mehrere Umweltfaktoren gleichzeitig. Nehmen wir einmal das

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Beispiel Rebhuhn.

Rebhühner stammen ursprünglich aus den baumlosen Steppen des Ostens und sind in unsere Breiten eingewandert, als der Mensch ihnen mit Einführung des Ackerbaus im großen Maßstab das benötigte Habitat schuf, durch großflächiges Roden der Wälder, durch Schaffung weiter, weitgehend baumloser, offener Landschaften. Sie waren, wie zahllose andere Lebewesen unserer Breiten, die uns heute als so typische Tiere unserer Landschaft scheinen, ursprünglich hier nicht heimisch, sondern sind Zuwanderer, Neozoen, die nur in unserer Kulturlandschaft überleben können. Löns nennt sie in seinem Buch Da draußen vor dem Tore die „Gefolgschaft der Menschen“ und widmet ihnen eine Kurzgeschichte. Dazu zählen, wer kann es glauben, scheinbar so typische Deutsche wie unser Feldhase, die Wanderratte, der Hamster, das Rebhuhn, der Fasan, die Wachtel, das Rotschwänzchen, unsere Schwalben, der Mauersegler, Girlitz, Lerche, der Steinkauz, viele unserer so vertrauten Fledermausarten.

Rebhühner leben also in der offenen Feldflur, daran sind sie einfach zwingend angepasst; Wald- und Ortslagen fallen für sie völlig aus. Neben dieser Habitat- Spezialisierung sind sie strikte Nahrungsspezialisten: Die Gesperre, die Jungvögel, sind in den ersten Lebenswochen vollständig auf Insekten angewiesen, sie können einfach die pflanzliche Nahrung der Altvögel noch nicht verwerten bzw. brauchen die eiweißreiche Insektennahrung zum Körperaufbau. In Jahren mit einem verregneten, kalten Frühjahr sind daher auch in den guten, alten Zeiten wegen der fehlenden Insekten die Erstbruten fast zu 100 % verloren gegangen.

Jahrhundertelang wurden diese Bedürfnisse durch unsere hier entstandene Kulturlandschaft nahezu perfekt erfüllt, es gab kleinflächige Schläge, vielfältige Frucht. Horizontweite Erntewüsten von jetzt auf gleich, heute die Regel, gab es damals nicht. Zwischen den kleinen Schlägen ein dichtes Netz von Heckenstreifen, die dem Niederwild perfekte Deckung und Nahrung boten, der Grund dafür, dass Rebhühner in dieser Landschaft auch in viel höherer Dichte vorkamen als in ihren Ursprungsgebieten. Die Hecken übrigens nicht angelegt aus einem überbordenden Sinn für Ästhetik, nein, entstanden zuvörderst aus reinem Nützlichkeitsdenken: Hecken setzen Grenzen, gut sichtbar und dauerhaft, nicht umsonst ist „Hecke“ wortverwandt mit „hegen, einhegen“, dem „Hag“. Außerdem lieferten sie Feuerholz, damals extrem wichtig. Aber man merkte auch schnell, dass sie auch sonst nützlich waren: Hecken brechen den Wind, der, heute vergessen, dem Boden ein Vielfaches mehr an Feuchtigkeit entzieht als allein die Sonne. Dazu schaffen sie ein günstiges Mikroklima, d. h. extreme Temperaturspitzen, wie sie in der baumlosen Steppe auftreten, gibt es nicht, ein Umstand, der auch der Feldfrucht zugutekommt.

Vor allem aber wurde schnell erkannt: Sie boten und bieten einer ungeheuren Vielfalt an Lebewesen Schutz und Lebensraum, vor allem der Vogelwelt Brutmöglichkeiten. Die Vögel wiederum sorgten dafür, dass Insekten, viele von ihnen Ernte- bzw. Fruchtschädlinge, so kurz gehalten wurden, dass kein übermäßiger Schadfraß entstehen konnte. Man darf nicht vergessen: Unsere Alten mussten ohne Round up und Bio- und Fungizide über die Runden kommen, und deshalb verbot sich auch von selbst die Anlage großer Schläge: Die insektenfressenden Vögel der Hecken vermeiden es tunlichst, wie wir alle, sich allzu weit von ihren Schutzhecken zu entfernen; sie kennen die Gefahren und ihre Feinde. Das alte System also war das Ergebnis jahrhundertelanger, tradierter Erfahrungen, nie wissenschaftlich erforscht. Aber es funktionierte bestens. Unsere Alten schufen damit ganz nebenbei, ohne erklärte Absicht eine Kulturlandschaft von solcher Vielfalt und Ästhetik, so voller Leben, dass vor allem die Jüngeren unter uns, die das nicht mehr erlebt haben, sich das nicht mehr vorstellen können.

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Moderne Landwirtschaft als limitierender Faktor

Anfang der 1960-er Jahre begann die Landwirtschaft, nicht aus eigenem Antrieb und bösem Willen übrigens, sondern unter dem knallharten Preisdruck des Marktes, also der Konsumenten!, mit lebhafter Unterstützung der EU, ihre Produktionsmethoden zu verändern. Flurbereinigte Großflächen entstanden, die alten Feldraine und Hecken wurden radikal dem Erdboden gleichgemacht. Damit verschwanden die früher vielfältigen Deckungsmöglichkeiten, da, wo es sie noch gab, verinselten sie immer mehr. Das machte es dem intelligenten Räuber Fuchs, aber auch Marder, Dachs, Wiesel sehr viel einfacher, die verbliebenen Deckungsinseln gezielt abzusuchen. *

Das hoch spezialisierte Rebhuhn, so gut wie alle anderen Niederwildarten auch, braucht aber zwingend die alten Habitate, die sich durch die Kombination mehrerer Faktoren definieren und ihm ein Überleben überhaupt erst möglich machen: Deckungsmöglichkeiten, Nahrungsangebot, Mikroklima, Wetter, aber auch ein solch angepasstes Maß an Beutegreifern und Prädatoren, das ein Überleben als Spezies möglich macht.

Verändert sich einer dieser Faktoren kurzfristig, haben sie meist noch kein Problem. Früher, bei optimalem Lebensraum, bot das alte Habitat Nahrung, vor allem Deckung in solcher Fülle und Vielfalt, dass selbst eine Armada von Beutegreifern zumindest kurz- und mittelfristig nicht in der Lage war, alle möglichen Verstecke abzusuchen. Die natürlichen Verluste wurden durch den strikten r- Strategen Rebhuhn wettgemacht. Vor allem eines half ihm: Seine Fressfeinde Fuchs, die Marder, der Dachs, ohne eigene limitierende Beutegreifer wie Wolf, Luchs, Adler, Uhu ohne Regulierung **, wurden vom Menschen immer scharf bejagt. Der hoch begehrten Pelze wegen (Fuchs, Wiesel, Marder), des Wildbrets, des Schmalzes und der Schwarte wegen (Dachs), der Fuchs zusätzlich, weil man sich seine Beutezüge durch die Ställe schlicht nicht leisten konnte. Sie alle wurden dadurch in ihrem Bestand reduziert und habitatsangepasst niedrig gehalten.

Die Gründe lagen nicht darin, dass man irgendwelche Hege betreiben wollte, das kam den Alten gar nicht in den Sinn. Nein, man hatte ganz profane Motive: Naturnutzung (Pelze, Schmalz, Wildbret) bzw. Schadensabwehr. Schadensabwehr am eigenen Nutzvieh, wohlgemerkt! Mit Sicherheit hinzu kam aber auch die reine Freude an der Jagd, am Erfolg, am Beutemachen, dieser uralte menschliche Trieb. Sie hatten auch kein „obrigkeitliches“ Problem damit, denn die Jagd auf das „Raubzeug“, wie es früher genannt wurde, war ihnen aus gutem Grund erlaubt, ja war sogar gewünscht. Sie schufen damit eine Umwelt, ein Gleichgewicht, wie sie uns von unseren „Umweltschützern“ moderner Provenienz immer als leuchtendes Beispiel vorgehalten wird. Deren Schaffung aber die gleichen „Umweltschützer“ heute aus blanker Unkenntnis über die Wirkungskreise der Natur, durch das Verdrängen realer Zusammenhänge, durch das verbissene Verfolgen rein ideologisch motivierter heile- Welt- Utopien so wirkungsvoll verhindern.

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Ursache und Wirkung

So weit also der alte Idealzustand. Ändern sich nun aber zwei oder sogar mehr der vorgenannten Faktoren, sieht die Sache völlig anders aus. Folgendes Szenario: Flurbereinigung, zunächst die Deckungsmöglichkeiten nehmen mehr und mehr ab. Gleichzeitig schwindet durch die damit einhergehende Artenverarmung das Nahrungsangebot, und zwar sowohl bei den Pflanzen als auch bei den für die Jungvögel so wichtigen Insekten. Diese beiden Faktoren allein bringen einen Bestand schon an den Rand des Aussterbens. Kommt jetzt noch hinzu, dass sich die Zahl der potentiellen Beutegreifer nicht nur nicht im gleichen Maße verringert, sondern durch das Nachlassen oder durch die komplette Einstellung der Bejagung sogar noch exponentiell anwächst, erlischt jede Rebhuhn- Population innerhalb kürzester Zeit.

Genauso geht es allen anderen Bodenbrütern, und dazu zählen alle so wichtigen und schützenswerten Arten in Deutschland. Dem Fuchs, dem Dachs, dem Marder, neuerdings Marderhund und Waschbär als Nahrungsgeneralisten macht das viel weniger bis nichts aus: Sie weichen einfach aus. Nicht unbedingt räumlich gesehen, die bleiben, wo sie sind. Nein, auf andere Nahrung. Sie alle kommen sogar auch kurze Zeit mit rein vegetarischer Nahrung aus, vor allem aber bedienen sich an den immer vorhandenen Nagern, an Regenwürmern, an Insekten. Kurz: Sie weichen aus auf andere Nahrungsquellen, vermehren sich sogar noch munter weiter und besiedeln in der Folge auch andere Habitate, der Fuchs, der Dachs, der Marder, die Sauen – die Stadt nämlich. Noch vor 30, 40 Jahren hätte man das nicht für möglich gehalten. Am erfolgreichsten dabei sind wohl Fuchs und Sau. Kurz: Sie sind, im Gegensatz zum Nahrungs- und Habitatspezialisten Rebhuhn, allzeit und überall präsent. Und verhindern damit wirkungsvoll auch fast jede vom Menschen betriebene, so gut gemeinte Wiederansiedlung. Denn Fuchs, Marder, Waschbar, Sau & Co nehmen diesen Neubesatz dankbar und zu 100 % als kostenloses zusätzliches „Leckerli“ zu ihrer gewohnten Kost mit. Und auch Mieze jagt, trotz zunehmender Erfolglosigkeit, unverdrossen weiter, aus purer Freude. Sie kann sich das leisten, denn nach des Tages Mühen wartet abends auf jeden Fall die volle Schüssel Kitekat.

So und nicht anders funktioniert das. Bei den anderen Wildarten, beim Birk- und Auerwild, bei Schnepfen, Trappen und Brachvögeln sind es teilweise jeweils andere Umweltfaktoren, aber die Wirkungsweise in toto folgt stets dem beschriebenen Muster. Prof. Dr. Paul Müller hat diese von vielen seiner Kollegen in vielen Jahren und unter vielen Mühen gewonnenen Erkenntnisse zusammen mit seinen eigenen Forschungsergebnissen in lesenswerter Form ausführlich zusammengetragen („Unter Räubern“). Ganz Hartgesottene können sogar seine zahlreichen zitierten Quellen zusätzlich hinzuziehen, sie werden immer wieder auf die gleichen empirisch ermittelten Ergebnisse stoßen.

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Die interne Interessenkollision

Nun sollte man ja unterstellen, dass diese Zusammenhänge den Chefs des NABU, des BUND bekannt sind. (PETA und andere „Tierrechtler“ lasse ich jetzt mal ausgeklammert, denen traue ich diese kollektive sagen wir Ignoranz durchaus zu.) Wenn nicht, wäre das ein Trauerspiel für diese selbst ernannten „Experten“. Wir tun also so, als wüssten sie´s. Und sie beweisen es auch tagtäglich, denn auf NABU- eigenen „gestifteten“ Flächen und Biotopen wird nichts so eifrig betrieben wie die Fallenjagd auf Prädatoren. Das wird allerdings der Öffentlichkeit sorgsam verschwiegen, ja abgestritten. Aus gutem Grund: Sie sammeln ja ihre Gelder ein mit dem Argument, dass man die bösen Jäger aus den Revieren heraushalten müsse, die Natur regele das alles von allein. Da kann man die Leute schlecht mit der Nase darauf stoßen, dass man entweder Blödsinn geredet oder vorsätzlich gelogen hat. Denn die Natur lässt ihre „Schützer“ eben doch im Stich, vor allem dann, wenn sie erwiesen ahnungslos sind.

Fest steht: Ein gesunder Niederwildbestand ist ohne scharfe Prädatorenbejagung völlig illusorisch. Punkt. Will ich aber weiter Gelder einwerben, muss ich Erfolge nachweisen. Also: Fallenjagd mit allem Zipp und Zapp, inclusive Totschlagfallen. Geld bedeutet politischen Einfluss und in unmittelbarer Folge mehr Geld – ein perpetuum mobile. Der Firmenzweck ist längst nicht mehr der Naturschutz, der ist nur noch Mittel zum Zweck und teilweise sogar dem Unternehmensziel hinderlich. Damit stehen eben diese Interessen zwar im diametralen Gegensatz zu den rein idealen Motiven ihrer Basis, aber das hält man aus in den Chefetagen. Es werden einfach Nebelkerzen geworfen und alle möglichst beschäftigt.

Das große Problem der NABU-, BUND- Basis ist also ihre kollektive Naivität, ihre gehorsame Gefolgschaft, ihre konstante Verweigerung, selbst mit dem Denken anzufangen. Siehe oben. Obwohl: Einige Kreisverbände gehen mittlerweile auf offene Konfrontation zum Kurs ihrer Obrigkeit. Genau das erklärt auch die Hektik, die brachiale Gewalt, mit der z. B. die „Jagdrechtsnovellen“ in Baden- Württemberg, in NRW jetzt durch die Parlamente gepeitscht werden sollen: Sie müssen schnell sein und ihre Pfründe sichern, bevor die Rebellion um sich greift.

Und was haben sie zu verteidigen? Etwas ganz Verlockendes: Politischen Einfluss und damit Geld, ihre üppigen Gehälter. Schließlich müssen sie einen veritablen Kuchen von derzeit 34 Mio. p.a. (nur NABU!, der BUND ist bei der Offenlegung seiner finanziellen Strukturen schon weit „konservativer“) irgendwie auf die Funktionärsebene verteilen. Und, neben der bestehenden Tatsache der Verschwägerung des Herrn Remmel mit dem NABU, glaube keiner, dass ein Herr Sticht, ein Herr Tumbrinck in NRW sich nicht allzu genau der Tatsache bewusst sind, dass sie in der freien Wirtschaft niemals einen auch nur annähernd so gut dotierten und einflussreichen Posten bekämen. Selbst die tolerantesten Aufsichts- oder Verwaltungsräte verlangen üblicherweise zumindest rudimentäre Qualifikationsnachweise. Und deswegen wird es ihrer Meinung nach Zeit zum Finale. Ziel ist die vollständige, durch das Parlament abgesegnete Kontrolle über Umwelt, Natur, über jede zukünftige größere Investition. Denn dann kommt die Keule „Verbandsklagerecht“ völlig ungehemmt zum Einsatz, sozusagen monopolisiert. Mitsamt Rückzug der Klagen gegen eine „gemeinnützige Spende“ im sechs- bis siebenstelligen EURO- Bereich.

Wenn man so will, ist diese „Novelle“ die Demontage des aus Jägersicht vielleicht nicht perfekten, aber immerhin praktikablen bestehenden Landesjagdgesetzes von Klaus Matthiesen und Friedhelm Farthmann, beide altes SPD- Urgestein. Die wiederum haben aufgebaut auf der Arbeit von Otto Braun, SPD- Ministerpräsident von Preußen und alleiniger Schöpfer des Reichsjagdgesetzes, abgesetzt und verfolgt von den Nazis.

Wenn man so will, arbeiten NABU, BUND und Grüne am „Reichsermächtigungsgesetz“ in Neuauflage.

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Kirchveischede, 18. September 2014

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Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

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* Heute haben wir es mit einem viel gravierenderen Problem zu tun: Ausgerechnet die Grünen, der NABU, der BUND sorgen mit ihrer völlig verfehlten und kurzsichtigen Tana- Land- Politik (und sie machen längst Politik, siehe Remmel und die hilflos-panische SPD in NRW) dafür, dass dieser Trend noch mehr verstärkt wird: Bio- Mais wird angebaut, hoch und höchst profitabel, subventioniert in Milliardenhöhe dank Grün- Rot, die profitierenden Unternehmer sind größtenteils bestens grün-rot- verdrahtet. Lebensmittel werden im reichen Deutschland im großen Maßstab verstromt, während die Dritte Welt hungert. Man kann es nicht oft genug erwähnen: Schuld an den Hungertoten sind die Experten von BUND, NABU et alii sowie der politische Arm, die Grünen. Sie alle haben kein Problem damit, und es gibt auch keinen Aufstand in unserer Presse: Die Redaktionen sind längst gleichgeschaltet.  

** Es war damals landesherrschaftlich zentrale Aufgabe, die Bevölkerung von allen äußeren Bedrohungen freizustellen; das gehörte zum Selbstverständnis eines jeden Herrschers, war im Zeitalter von Feudalismus und Lehnswesen wesentlicher Bestandteil des „Gesellschaftsvertrages“, wie man heute sagen würde  (die Leistung des Zehnt gegen persönlichen Schutz, die „Munt“). Schon Karl der Große begann damit, in seinen Grafschaften zentral koordinierte, jährliche Wolfs- und Bärenjagden verbindlich vorzuschreiben. 

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2 Kommentare zu Die viel zitierte Räuber- Beute – Beziehung

  1. Ich verneige mich in Hochachtung! Wenn wir es doch nur schafften, diese eloquenten überprüfbaren Sachzusammenhänge hinsichtlich ihrer Textlänge auf das nötige Maß geistiger Zweizelligkeit zu sublimieren, hätten wir eine der schärfsten Waffen, um im öffentlichen Raum gegen diese…(Ausdruck von Kinderstube zensiert)…anzustinken.

  2. Benedikt sagt:

    Leider höre ich von Jägern auch aus Niederwildrevieren immer häufiger, dass diese keine Füchse mehr bejagen wollen, da sie sich von diesen erhoffen, dass diese die Mäusepopulation regulieren.

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