„Moderne“ Jagd + „edler Wilder“

Moderne Jagd vs. edler Wilder

oder:

Wie man mit seiner eigenen Argumentation Schiffbruch erleiden kann….

Ein Artikel in „Wild und Hund“, in dem auszugsweise der Autor und Berufsjäger Kai- Uwe Denker aus seinem Buch „Entlang des Jägers Pfad“ zitiert wird, hat mir Anlass gegeben, meine Gedankengänge zum aufgefassten Thema einmal zu Papier zu bringen; in dieser zitierten Passage vergleicht er unsere moderne Jagd mit der „naturgemäßen“ Jagd von Naturvölkern.

Es ist schon beschämend, wie der moderne Jäger dem armen Wild mit hochtechnisierter Ausrüstung und elektronischen Hilfsmitteln auf den Leib rückt. Fast möchte man sagen, dass es sich überhaupt nicht mehr um Jagd handelt. Man mag nun sagen, dass ich dann auch konsequent sein und mit Pfeil und Bogen jagen müsse. Ich sehe dies jedoch etwas anders.

Ich habe sowohl mit Buschmännern als auch mit Pygmäen gejagt. Diesen „Urjägern“ ist es völlig egal, wie sie an Fleisch kommen. Wenn sie mit Bogen oder Lanze jagen, so wählen sie das erste Stück Wild, dessen sie habhaft werden können und suchen aus einer Herde von Antilopen immer jenes Tier aus, das ihnen am nächsten steht und deshalb am leichtesten zu erbeuten ist. Wir, die jedoch den besonderen Reiz bei der Jagd suchen und gezielt starke Trophäen erbeuten wollen, legen uns besondere Spielregeln auf, die so genannte Jagdethik. Wenn man dabei auf übertriebene technische Hilfsmittel verzichtet und nicht auf Entfernungen schießt, die nicht auch mit bloßem Auge über Kimme und Korn zu bewältigen wären, so unterscheidet sich die Schwierigkeit einer solchen Jagd in keiner Weise von der Fleischjagd früherer Zeiten mit Pfeil und Bogen. 

Es ist einfach ein Unterschied, ob ich aus einem aufmerksamen Rudel Wild, das weit verteilt ist, gezielt den alten Bullen herausholen muss oder einfach das nächstbeste Stück am Rande des Rudels erlege. Jage ich mit Pfeil und Bogen, so wird es in vielen Fällen unmöglich sein, an den alten Bullen heranzukommen. Jage ich mit der Schusswaffe, so ist es reizlos, einfach irgendein Stück zu erlegen. Hieraus ergibt sich der Reiz der Trophäenjagd auf einen schlauen und alten Trophäenträger.

Viele Jäger, die heutzutage mit Pfeil und Bogen jagen und den Anspruch erheben, die Urform der Jagd zu betreiben, tun nichts weiter, als in irgendwelchen Verstecken auf das Wild zu warten, um es dann aus dem „Hinterhalt“ zu beschießen. Ebenso wichtig ist für mich ein anderer Aspekt: Mit einer Schusswaffe lässt sich schnell und human töten. Als ich an dem Buch „Jagen in Namibia“ arbeitete, benötigte mein Bruder für die Illustrationen eine Vorlage eines Roten Feldhasen. Nirgendwo konnten wir ein gutes Foto finden. Als ich zu dieser Zeit einmal in einer gebirgigen Region unterwegs war, sprang vor meinen Füßen ein solcher Hase auf und flüchtete zwischen einige Felsbrocken. Ich hatte nur eine großkalibrige Büchse bei mir, deshalb legte ich die Waffe zu Boden und hob einen faustgroßen Stein auf. Nun näherte ich mich dem Versteck des Hasen, und als er erneut flüchten wollte, gelang es mir, ihn mit einem glücklichen Wurf zu treffen und so schwer zu verletzen, dass ich nach ihm greifen und ihn töten konnte. (Original: so dass ich danach greifen und töten konnte.)

 

Man könnte nun sagen, dass diese Jagd mit primitivsten Mitteln besonders befriedigend gewesen sei. Doch mir erschien die Sache roh und grob, und es machte mir nicht die Freude, die eine gute Pirsch und ein sauberer Schuss mit einem Kleinkalibergewehr bereitet hätte.

So weit der Artikel bzw. das Zitat Denkers. Man könnte meinen, dass dazu wirklich nichts mehr zu sagen ist, außer dass man das Thema vielleicht in einen etwas größeren, aktuelleren Zusammenhang zu stellen versucht. Ich habe mich schon vor einiger Zeit zu einem Artikel des Spiegel über die moderne Bogenjagd, die kommentarlos als angeblich so faire Jagdweise in den Himmel gehoben wurde, entsprechend geäußert; erwartungsgemäß, weil mit einer deutlichen Prise Sarkasmus ob der naiven und eilfertigen Gutgläubigkeit des Reporters geschrieben, nicht veröffentlicht.

Man kann nämlich noch einiges dazu sagen. Nehmen wir die Jagd sogenannter Naturvölker, seien es die Khoi- San Südafrikas bei ihrer Buschjagd, seien es einige Nordvölker, denen im gewissen Umfang z. B. die Waljagd, auch auf Großwale, noch gestattet ist. Niemand, kein Walschützer und auch kein noch so militanter Jagdgegner, würde wagen, dieses Recht in Frage zu stellen. Um es klar zu machen: Auch ich nicht, weil es ihr angestammtes Recht ist, offensichtlich seit Jahrtausenden funktioniert und weder die Welt an sich noch die Natur in irgendeiner Weise geschädigt hat. Nur habe ich als aktiver Jäger ja auch nicht einen solchen Bruch zu erklären wie diese Gegner, die dabei ja nicht nur hier eine Ausnahme von ihrer geheiligten Regel machen müssen. Denn eines muss erlaubt sein klarzustellen: Es werden damit ohne wenn und aber Jagdmethoden akzeptiert, die unserem Verständnis von weidgerechter Jagdausübung diametral entgegenstehen, einem Verständnis, das, nebenbei bemerkt, von „unseren“ Jagdgegnern im Zusammenhang mit unserer modernen Jagd nicht nur vehement eingefordert wird, sondern in seiner Ausprägung vielfach als viel zu lax bezeichnet wird. Es wäre eigentlich zum Lachen, wenn es nicht wirklich so traurig und verlogen wäre.

Das fängt damit an, dass, s. o., ein Buschmann das nächstbeste Stück schießen wird und es ihm völlig egal ist, ob es sich eventuell um ein führendes Stück handelt und dessen Kalb oder Kitz dadurch zum sicheren Tod verdammt ist. Er nimmt es in Kauf, auch in der sicheren Erkenntnis, dass die Natur für dieses Jungtier ohnehin Verwendung hat, nämlich als Nahrung für die Jungen des z. B. nächstbesten Schakals, der, wäre die Mutterantilope noch am Leben, wenig Chancen gehabt hätte, dieses Kitz zu erbeuten. So aber überleben seine Jungen. Sage mir nun einer, was ethisch höher zu bewerten ist. Dem Khoi- San- Jäger würde beispielsweise auch Kritik an einer seiner üblichen Jagdmethoden, der Schlingenstellerei, wie Gerede über die Rückseite des Mondes vorkommen; er würde solche Kritik auch gar nicht verstehen können, weil ihm hierzu ganz einfach das logische Instrumentarium, das Bewusstsein, neudeutsch die Software fehlt.

Natürlich fühlt ein Buschmann- Jäger Empathie mit lebenden Tieren, er käme gar nicht auf die Idee, sie vorsätzlich zu quälen, und natürlich liebt er die Natur und würde sie um nichts in der Welt gefährden wollen, inklusive des Wildbestandes in ihr. Aber bei der Jagd hat er eben eine andere Sicht der Dinge, passt sich seiner natürlichen Umwelt an. Er käme aber bei der eigentlichen Jagdausübung gar nicht auf die Idee, innerartliche ethische und soziale Aspekte wie Tötungshemmung oder Empathie auf das einzelne Stück Wild zu übertragen. Deswegen nimmt er die Qualen des Wildes, das langsam in seiner Schlinge erdrosselt wird, genauso hin wie Panik, Todesangst und langsames Ersticken der Antilope, in Ausnahmefällen sogar des Großwildes bis hin zu Giraffen, die vom vergifteten kleinen Pfeil des Buschmannjägers getroffen und beileibe nicht auf der Stelle getötet werden. Dazu sind Pfeilverletzungen auf Grund der geringen kinetischen Energieabgabe generell nicht in der Lage, erst recht nicht die aus unserer Sicht lächerlichen „Flitzebögen“ dieser Urjäger. Es ist übrigens auch völlig unerheblich, wo genau der Pfeil trifft, wenn er nur irgendwo im Tierkörper landet: Ihre Pfeile sind mit einem absolut tödlichen Gift versehen, das sie aus bestimmten Käferlarven gewinnen. Es tötet zwar auch nicht, wie bei uns zwingend gefordert, auf der Stelle. Getroffenes Wild geht, je nach Größe und Konstitution, noch meilenweit und stirbt unter großen Qualen, nämlich durch Lähmung der Atemmuskulatur, vulgo durch Ersticken. Aber es stirbt ganz sicher, und das bedeutet Fleisch für die Familien der Jäger – nichts Anderes zählt. Das stellt keine Herabwertung dieser Menschen und ihres jägerischen Könnens dar, ganz im Gegenteil. Was diese Jäger aufzuweisen haben an Kenntnis über das Verhalten ihres Jagdwildes, an Fährtenkunde und der Fähigkeit, Wildfährten auszuarbeiten und zu deuten, überfordert unsere Vorstellungskraft. Auch müssen sie auf Abstände von maximal 25 bis 30 Meter an ihr Jagdwild heran, denn weiter können sie mit ihren primitiven Bögen zielgenau gar nicht schießen. Allein das ist schon schwierig genug, und schon allein aus diesem Grund können sie es sich gar nicht erlauben, zu selektieren! Deshalb wären die Vorschriften unserer Jagdgesetzgebung in Bezug auf die Regeln der Weidgerechtigkeit für sie allenfalls böhmische Dörfer, wenn nicht blanker Unsinn und reine Naivität.

Ebenso die (wenigen) Eskimo- oder, in der Altwelt, Aleuten- und Tschuktschenvölker, denen heute noch die Jagd z. B. auf Großwale gestattet ist: Niemand nimmt Anstoß daran, dass hoch soziale, hoch empfindungsfähige Tiere über Stunden mit schmalblättrigen Harpunen traktiert werden, so lange, bis eine dieser Harpunen dann tatsächlich rein zufällig einmal eine so große innere Verwundung bewirkt, dass der gejagte Wal langsam innerlich verblutet. So eine Jagd kann sich über Stunden hinziehen, der Stress des angegriffenen Tieres, seine stundenlange Todesangst, seine Schmerzen und seine Panik, all das wird von diesen „Urjägern“ in Kauf genommen. Sie haben Hunger und wollen überleben, sagen sich auch, dass der gewaltsame Tod des Wals beispielsweise durch Orcas, die durchaus auch Großwale jagen, nicht weniger schlimm ist. Um es klar zu sagen: Sie haben Recht, sowohl Buschmänner als auch Innuit, Aleuten und Tschuktschen. Es ist eben etwas anderes, wenn man von einer Couch aus, sozial in üppigster Weise abgesichert und ohne jegliche Existenz- und Nahrungssorgen, über Jagd, Jagdmethoden und deren Stellenwert und Berechtigung philosophiert (dazu meist als Nichtjäger) als direkt und unmittelbar als Betroffener.

Man sollte an dieser Stelle auch einmal mit einem lieb gewordenen Stereotyp aufräumen, das allgegenwärtig ist in den Köpfen unserer Bevölkerung, nämlich mit der Meinung, dass Luchse, Wölfe, Bären, kurz alle Beutegreifer der „freien Natur“, ja nur alte und schwache Beutetiere fressen, kurz „edle Wilde“ sind. Konstruiert wurde es von unseren „Naturfreunden“, die nach dessen überaus erfolgreicher Implementierung nicht bereit sind, wieder auf diese so wirksame Waffe zu verzichten, es wieder zurechtzurücken und dahin zu verweisen, wohin es gehört, nämlich ins Reich der Utopie, denn es ist eine grobe Irreführung der Öffentlichkeit. Unser Raubwild jagt nämlich so, wie wir wirtschaften: Zutiefst ökonomisch. Sie nehmen das, was sie schnellstmöglich und unter geringstmöglichem Einsatz erbeuten können. Strenge Kosten- / Nutzungsrechnung also, und darin reiten sie auf der gleichen Welle wie unsere Buschmänner und Innuit (die ja auch den ersten besten Wal harpunieren, oder glaubt jemand ernsthaft, die tauchen erst und schauen nach, um was für ein Tier es sich handelt?). Bär, Wolf, Luchs – sie greifen das, was erreichbar ist, und wenn sie eine unvorsichtige führende, ansonsten vor Gesundheit strotzende Rehgeiß bekommen können, wird diese geschlagen. Als angenehme Beigabe bekommen sie in den allermeisten Fällen später das / die verwaiste(n) Kitz(e) sowieso.

Unbestritten ist, dass z. B. bei Wölfen als Hetzjäger der Anteil an kranken und schwachen Tieren bei ihrer Gesamtbeute weit überwiegt. Das ist einfach logisch, wenn auch ökologisch noch nicht einmal von ausschlaggebender Bedeutung für die Erhaltung einer Spezies als Ganzes: Ein Wolfsrudel konzentriert sich bei einem Angriff schnell auf das langsamste Tier einer Herde – ökonomisches Jagdverhalten eben. Dass das so ist, ist einfach die Wirkung aus der Ursache, dass es schwächliche, kranke, und (selten) alte, damit langsame Tiere gibt und dass diese deswegen sehr viel leichter zu erbeuten sind als gesunde Tiere. Als Ursache dafür unterzuschieben zu wollen, dass Beutegreifer in unserem modernen Sinne selektiv (weidgerecht) jagen, kann ja wohl nicht ernst gemeint sein. Denn wenn sich in einer Gruppe Karibus keine schwachen Tiere befinden, wird eben ein gesundes Stück zur Beute, ebenso, wenn ein Einzelstück wie z. B. ein Elch angegriffen wird. Das Wolfsrudel, der Bär wird es versuchen – und allenfalls dann ablassen, wenn es sich erweist, dass das Risiko eigener Verletzungen zu hoch ist. Ansonsten stirbt der gesunde, kräftige Elch. Und beim eleganten Luchs z. B. spiegelt seine Jagdstrecke ziemlich genau den Zustand der Beutetierpopulation, bei uns meist Rehwild, wider, denn als Lauerjäger nimmt er das, was das Pech hat, seinen Weg zu kreuzen, also ziemlich genau den Querschnitt der Beutetierpopulation im Hinblick auf das Verhältnis krank und gesund. Um es noch einmal klar herauszustellen: Kein Beutegreifer nimmt, im Gegensatz zu uns „modernen“ Jägern, irgendwelche Rücksicht darauf, ob sein Beutetier eventuell gerade ein Kalb / Kitz führt, ob es konstitutionsmäßig geschont werden sollte, ob es auf der Roten Liste steht oder dass gerade keine Jagdzeit ist. So viel zur viel zitierten, „natürlichen“ Jagd.

Aber all das wirft eben ein bezeichnendes Licht auf die Argumentation unserer Jagdgegner, die sich dieser Dinge nur allzu bewusst sind. Nota bene, ich rechne hierzu nicht unsere ernsthaften Kritiker, die der Jagd an sich positiv gegenüberstehen, aber zu Recht der Meinung sind, dass gerade moderne Jagd sich an geänderte Umstände, an neu gewonnene Ergebnisse der Wissenschaft und Wildtierforschung anzupassen hat. Nein, ich rede hier von den fundamentalen Gegnern, die Jagd an sich rigoros ablehnen, meist aus sogenannten ethischen Gründen, und die dann zur Durchsetzung ihrer so überirdisch ethischen Motive höchst irdische, höchst unethische Methoden anwenden: Sie wissen dabei, dass sie in kleinen Schritten vorgehen müssen, um den Bundesbürger nicht zu verprellen, der ja an sich in der Grundtendenz der Jagd positiv gegenübersteht; die Manipulation hat also nur in kleinen Schritten zu erfolgen. Man schlägt den Sack und meint den Esel: Der Sack, der geschlagen wird mit dem Knüppel dieser „Ethik“, ist die angebliche Verletzung von Grundsätzen des Mitleides mit der gejagten Kreatur, sind Einzelfälle wie die Verletzung von weidmännischen Grundsätzen wie z. B. das Erlegen von Alttieren vor dem Kitz/ Kalb, die eben manchmal vorkommen und einfach nicht zu vermeiden sind, genauso wenig wie Asteroiden- Einschläge und Autounfälle.

Nützliche Vehikel sind aber auch Dinge wie die jeweils aus gegebenem Anlass schrittweise Verschärfung des Waffenrechts bis hin zum Verbot von Waffen in Privathand generell, das Verbot von bleihaltiger Munition und ähnliches mehr; steter Tropfen höhlt den Stein. Der Esel, der getroffen werden soll, ist nichts weniger als die Jagd an sich. Abgesehen davon, dass die Regeln des weidmännischen Verhaltens, die uns immer wieder vorgehalten werden, von uns Jägern entwickelt wurden und nicht etwa von Natur“schützern“, verlieren diese Leute auch kein Wort darüber, dass es sich jeweils um Einzelfälle handelt, die keinesfalls die Regel sind, sondern absolute Ausnahmefälle, die auch entsprechend geahndet werden. Dass sie demgegenüber an anderer Stelle viel größere Verletzungen dieser Prinzipien aber völlig widerspruchslos in Kauf nehmen, ja sie als angebliche „natürliche“ Jagd sogar noch vehement verteidigen- niemanden stört´s.

Und das lässt doch nur einen Schluss zu: Die Bemühungen, die Jagd bei uns völlig abzuschaffen bzw. sie, wie in Holland, schleichend unmöglich zu machen, sie sind sämtlich nur Mittel zum Zweck, kein Ziel an sich; denn der Zweck ist nichts weniger als die Erlangung und Erhaltung der Kontrolle über eine geschickt manipulierte Öffentlichkeit, die die Perfidie dieser Argumentation und ihre offensichtlichen und systemimmanenten Widersprüche nicht erkennt. Was dabei herauskommt, habe ich anlässlich eines ausführlichen Leserbriefes in der DJZ schon einmal klar ausgesprochen: Ein Freiluftpanoptikum, das von diesen Leuten gottgleich (und mitleidslos) beherrscht wird, unter Ausschluss der ignoranten Masse, die ihnen zwar zu diesem Ziel verholfen hat, aber nach Erreichen dieser Position nicht mehr gebraucht wird.

Ein Schlaglicht auf diese krude Gedankenwelt bieten unsere Nachbarn in Holland. Weil nach meinungsbildender Ansicht ihrer „Naturschutzverbände“ Jagd unethisch ist, ist sie dort weitgehend unterbunden. Nun wurden in letzter Zeit katastrophale Zustände in so genannten „Schutzgebieten“ dokumentiert und öffentlich gemacht, die vom NABU und verwandten Organisationen unter dem alles erschlagenden Mäntelchen der natürlichen Unberührtheit bzw. mit dem Ziel eines sich selbst entwickelnden natürlichen Gleichgewichts betrieben werden: Dass sie überhaupt bekannt werden, ist nicht etwa kritischer Recherche geschuldet, sondern einer umwerfend naiv- dummen und willfährigen Übernahme der Vorstellungen dieser Gruppierungen durch große Teile unserer Medien, einer stillschweigenden Komplizenschaft, denn die angesprochene Sendung war ursprünglich als reiner Image- Beitrag für den Betreiber und die Idee dieses Gebietes gedacht – ein schlagender Beweis dafür, wie realitätsfern in ihrer gottgleichen Abgehobenheit diese Leute mittlerweile geworden sind! Man findet absolut nichts dabei, wenn unter der Regie solcher „Naturschutzverbände“ in diesen „Schutzgebieten“, die mit Konik- Pferden und Cerviden (Rot-, Damwild, Rehwild) besetzt sind, wegen katastrophaler Überweidung Tiere en masse an Hunger verrecken, nur um irgendwelchen Ideologen auf Kosten des Wildes die Möglichkeit zu geben, ihre Utopien ausleben zu können. Dokumentiert wurde das in der Sendung „Serengeti hinterm Deich“, Das Leben der Huftiere in Oostvardersplassen, hergestellt von Gerd Weiss im Auftrag des WDR, erste Aussendung 2008: 600 Konikpferde, 800 Heck- Rinder als so genannte Auerochsen und 1.200 Stück Rotwild auf 5.600 ha Fläche (inklusive Wasser-, Wald-, Buschflächen), Rehwild wird nicht erwähnt. Dazu kommen, als unmittelbare Nahrungskonkurrenten, Heerscharen an Flugwild, vor allem riesige Mengen an Gänsen. Wobei die es einfach haben: Sobald alles mit ihrer Hilfe bis auf die Bodenkrume abgeweidet ist, verstreichen die, weil sie eben fliegen können. Pferde, Rinder und Hirsche haben aber keine Shuttle- Dienst zur Verfügung, dazu sind die Holländer zu knauserig. Zugefüttert wird nicht. Also: Dableiben und verrecken. Wenn ein Landwirt auf 5.600 ha einen derart großen Bestand halten würde, dazu noch ohne Fütterung, würde man ihm, völlig zu Recht, sofort den Betrieb schließen, unter lebhaftem Sekundieren des NABU, und ihn wegen Tierquälerei umgehend vor Gericht stellen.

Ich habe schon einiges an bis auf die Graswurzeln heruntergefressenen Weiden gesehen, aber was da völlig ungerührt vom Leiter dieses „Naturschutzgebietes“ gezeigt und vorgeführt wurde, das schlug dem Fass den Boden aus. Eine bezeichnende Szene zeigt, wie ein Mitarbeiter des Schutzgebietes ein vor Hunger zusammengebrochenes, ihn aus seinem Schlammloch aufmerksam anblickendes Rind mit dem Gewehr bis auf 20 Meter angeht (von vorn natürlich, das Tier hat ja keinen Stress, weil es ja weiß, dass da kein Jäger, sondern ein gut meinender Naturschützer kommt) und es frisch, fromm und frei totschießt. Freimütig wird erzählt, dass dieses Tier schon vor Tagen eingebrochen ist und man es hat liegen lassen, wohlgemerkt bewusst, kommentiert mit dem Hinweis, in der Natur könne in einem solchen Fall auch niemand helfen. Wohl wahr, aber in der Natur kommt es erst gar nicht dazu, dass Tiere verhungern, zumindest nicht unter unseren klimatischen Bedingungen, weil Wildtiere unter natürlichen Bedingungen die Möglichkeit hätten, abzuwandern und / oder weil hier die Jagd, ob durch tierische oder menschliche Beutegreifer, regulierend eingreifen würde und ein solches Szenario, wie es in diesen „Schutzgebieten“ zu beobachten ist, überhaupt nicht entstehen ließe. Denn käme es in der – realen – Natur tatsächlich zu einem solchen Szenario, wären sehr schnell Großräuber zur Stelle und würden das Drama sehr schnell beenden.

Mit der gleichen Ungerührtheit wird hingenommen, dass auch Rotwild im Winter reihenweise verhungert. Und der Sprecher in diesem Sendebeitrag, scheinbar hoch beglückt über dieses tagelange Verrecken, deklamiert, dass ein Jäger jetzt karrenweise Futter ins Revier bringen würde, hier könne das Wild aber in Würde und natürlich sterben! Das hier ist keine Satire! Sancta simplicitas! Machen Sie doch mal eine Umfrage bei den betroffenen Tieren, was denn nun würdevoller oder angenehmer ist, wochenlanges Verrecken an Hunger und damit einhergehenden Krankheiten oder ein Sekundentod durch einen Jäger – was glauben Sie, würden die antworten? Verständnisvoll wird kommentiert, dass, wo gehobelt wird, eben Späne fallen; irgendwann werde sich dies schon einpendeln zu einem natürlichen Gleichgewicht. Ja wie denn, ohne Groß- Beutegreifer? Jagd findet ja offensichtlich als Ausgleich dazu nicht statt. Das Ganze wird im Übrigen fast vollständig mit Steuergeldern finanziert.

Wenn es für sich selbst gehen soll, ohne menschliche Jagd, in Ordnung, denn das geht ohne Frage. Dann macht es aber konsequent wie die Amerikaner, da kann man viel lernen, z. B. im Yellowstone National Park. Da gibt´s nämlich Wölfe und Bären und Luchse (die die Holländer in ihrer Puppenstube natürlich nicht haben wollen, die könnten ja beißen, und so weit geht die Naturliebe natürlich nicht). Da verhungert kein Tier und wird dabei mit wohligen Wohnzimmerschauern über die gnadenlose Natur auch noch dabei gefilmt. Lange bevor es langsam an Hunger oder Krankheit verreckt, wird es erbeutet, es stirbt relativ schmerzlos, auf jeden Fall aber schnell, und dient damit anderen Tieren zum Überleben. Da gibt es deswegen auch keine Überpopulationen und keine völlig blank gefressenen Landstriche. Aber die Amis sind eben auch realistische Naturfreunde, vor allem sind sie keine militanten Jagdgegner, weil sie wissen, dass auf Jagd in menschenbesiedelter Kulturlandschaft gar nicht zu verzichten ist, will man die hier zwangsläufig gestörten Systemabläufe einigermaßen austarieren. Mit anderen Worten: Sind keine Groß- Beutegreifer da, muss durch Menschen gejagt werden. Vor allem aber ist die Jagd für sie eine völlig umweltkonforme Ressourcennutzung. Wenn man das nicht will, muss man von größeren Beständen an Huftieren und Paarhufern eben Abstand nehmen. Ideologisch fehlgesteuerter Amateur darf man zwar sein, schließlich leben wir in freien und demokratischen Gesellschaften, aber nur so lange, wie man durch seine fehlgeleitete Gefühlsduselei sonst niemandem schadet. Wenn aber unsere Viecher das auszubaden haben, die keine Möglichkeit haben, auszuweichen oder sich zu wehren, dann nenne ich das nicht fahrlässig, nicht gut gemeint, aber eben nur dämlich, nein, dann nenne ich das kriminell.

In die gleiche Reihe gehören die Pläne zur Regulierung der Wildgansbestände: Erst unter dem Druck des „Naturschutzes“ von der Jagd ausgenommen, wuchsen die Bestände rasant an, mit den Folgen, die bereits bei Unterschutzstellung exakt vorausgesagt wurden. Nachdem die wachsenden Schäden dann nicht mehr tragbar waren, kam Druck durch die wirklich Geschädigten auf. Ein normal denkender Mensch würde jetzt fragen: „Wo ist das Problem? Geben wir wieder die Jagd frei.“ Weit gefehlt, nicht in Holland wie wohl nirgendwo, wo der „Naturschutz“ regiert. Völlig außer Rand und Band geraten wird ernsthaft zur Diskussion gestellt, die Tiere en masse einzufangen (Lebendfang), in Kisten zu sperren, zu Sammelplätzen zu bringen und dort zu vergasen. Tröröö!! Die Jagd wieder zulassen? Um Himmels willen, undenkbar, das hieße ja Fehler einzugestehen, und ideologische Positionen sind nun einmal, auch gegen jede Vernunft, mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Die Öffentlichkeit könnte ja bemerken, dass eine erkleckliche Anzahl nach und nach entstandener, mit Steuermitteln ordentlich bezahlter Pöstchen schlicht überflüssig sind, dass man die Regulation nicht nur umsonst haben kann, sondern darüber hinaus über Jagdabgaben noch veritable Einnahmen erzielen könnte und dass man, der Gipfel, auf diesem Wege auch noch wertvolles Wildbret erhalten könnte.

Der Gänsepopulation an sich ist es völlig egal, wie der jährliche Blutzoll zu entrichten ist, so lange die Spezies an sich nicht im Bestand gefährdet ist; dem Individuum gegenüber ist nichts so erbarmungslos wie die Natur. Wenn nicht, egal durch wen, gejagt wird, reguliert sie die Bestände durch Infektionen und Seuchen, im schlimmsten Fall durch Verhungern. Nun sieht es ja nicht gerade schön aus, wenn Touristen in den Dünen auf einmal massenhaft verreckte Wildgänse sehen, das ist einmal dem Image, zum anderen dem Fremdenverkehr abträglich. Also lassen wir uns etwas einfallen: Anti- Baby- Pillen verweigern die Viecher. Jagd geht nicht, das wäre die Insolvenzeröffnung über das ideologische Gedankenvermögen. Also einfangen und vergasen. Ohne Spaß, das wurde gemacht!! Man fasst sich an den Kopf: Leute, die das Desaster gegen vielfältige Warnungen verursacht haben, haben nach wie vor Meinungshoheit bei der Debatte, wie die Misere behoben werden soll, und der Bürger, der diesen Nonsens und diese Tierschinderei bezahlt, lässt sich tatsächlich auch noch den größten Schwachsinn aufdiktieren. So kann man sich selbst entmündigen. Das ist, als hätte man Hermann Göring in Nürnberg zum Vorsitzenden eines Auschwitz- Wiedergutmachungs- Fonds gemacht. Oder, um es mit Albert Einstein zu sagen: Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung ursächlich waren!

Der gleiche Gutmensch- Journalist, der ähnliche Missstände z. B. in einem vom DJV bewirtschafteten Jagdrevier filmen würde, würde (völlig zu Recht) ein derartiges Fass aufmachen, einen derartigen medialen Aufstand entfachen, dass die russische Revolution sich dagegen wie ein Halmaspiel ausnehmen würde. Aber hier? Ist ja gut gemeint. Dass diese Leute auch schon unter dem Meinungsdiktat dieser Naturschutzverbände angekommen sind, scheint ihnen, die ja von Berufs wegen ein Höchstmaß an Fähigkeit zur kritischen Betrachtung der Dinge und Durchblick für sich in Anspruch nehmen, noch gar nicht aufgegangen zu sein. Wie wäre es, meine Damen und Herren, mit tatsächlicher Objektivität? Wie wäre es damit, diese Skandale einmal öffentlich zur Diskussion zu stellen, sie kritisch zu hinterfragen, ja sich überhaupt einmal dazu zu bequemen, sie zur Kenntnis zu nehmen? Wie wäre es damit, diese selbstgerechten, völlig aus dem Ruder gelaufenen Naturschutz- Apostel wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen, z. B. bei der haarsträubend unsinnigen Kormoran- Debatte? Wie wäre es damit, das Publikum einmal ernsthaft mit objektiven Fakten zu versorgen, zur Diskussion zu stellen, was denn bitte unsere moderne, selektive, weidgerechte, durch Verordnungen regulierte und auch behördlich überwachte Jagd so schlimm macht im Gegensatz zur „naturgemäßen“ Jagd der Naturvölker und Beutegreifer? Das Zufallsprinzip, dem diese folgt? Das könnten wir auch. Nur wollen wir es nicht, weil wir unter ganz anderen Bedingungen, mit anderen Zielen und mit ganz anderen Möglichkeiten jagen als sie, weil wir im Gegensatz zu ihnen über die technischen Voraussetzungen verfügen, die eine moderne, selektive Jagd überhaupt erst möglich macht. Der Natur ist die Jagdmethode völlig egal, sie verkraftet die eine wie die andere ohne jedes Problem. Einmal vorausgesetzt, das einzelne Wildtier wäre in der Lage zu entscheiden, wie es zu Tode kommen will, es würde, da bin ich mir sicher, unsere moderne Jagd bevorzugen, ohne Schlingen und stunden- und tagelanges Sterben und Quälen, ohne Gift, ohne Fallgruben, mit kurzem, schnellem Ende.

Dass NABU und andere von sich aus diese Dinge einmal zur Rede bringen, ist wohl nicht zu erwarten, schon weil sie aus eigener Kraft ihre Positionen gar nicht mehr aufgeben können, festgefahren und stereotyp, wie sie in ihren Strukturen und Argumentationen geworden sind. Es ist schließlich ein Riesengeschäft geworden, mit Arbeitsstellen und gut dotierten, einflussbringenden Funktionärsposten und –pöstchen, kurz, sie sind samt und sonders korrumpiert. Und die Erfahrung lehrt, dass noch nicht einmal Cluny an so etwas ändern kann: Es gibt zahllose Beispiele in der Geschichte dafür, wie Bewegungen, die anfangs durchaus ihre Berechtigung hatten, durch übermäßiges und kritikloses Hätscheln durch Zeitgeist und Öffentlichkeit mit der Zeit völlig ihr Maß verloren haben, ein unkontrollierbares Eigenleben entwickelt und ihre ursprünglichen Ziele ins Gegenteil verkehrt haben. Eben weil sie durch diese erzeugte, auch manipulierte öffentliche Meinung es geschafft haben, sich auf den Sockel des unbedingten Wahrheitsanspruches gestellt zu haben und sich dadurch geschützt wissen, egal, was immer sie tun. Es ist nun einmal so: Zeitgeist und öffentliche Meinung werden entscheidend durch unsere Publikationsorgane beeinflusst. Presse- und Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, und dementsprechend verantwortungsvoll muss man damit umgehen, denn auch tendenziöse, nicht seriös gegenrecherchierte Berichterstattung wird vom Bürger als Tatsache hingenommen, mit dem entsprechenden Ergebnis. Dass das nicht nur in Gesellschaften vorkommt, deren Medien der Zensur durch den Staat unterliegen, sondern durchaus auch in freien Gesellschaften wie unserer, haben wir in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erlebt.

Ich denke, es wird Zeit, die Dinge wieder gerade zu rücken. Wo leben wir denn?

Kirchveischede, 16. Mai 2012

Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

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