Moderne Jagd vs. edler Wilder

Moderne Jagd vs. edle Wilde

oder: 

Wie man sich durch seine eigenen Schein- Argumente in die Ringecke manövriert….

Immer wieder wird uns als Kritikpunkt entgegengehalten, dass wir im Gegensatz zum Naturjäger (gemeint sind dabei jagende Angehörige verbliebener Naturvölker) eigentlich dem Wild keine Chance lassen mit unserer modernen Ausrüstung, den präzisen Waffen, die wir führen. Gern wird auch angeführt, dass die „Chancengleichheit“ nicht gegeben sei und vieles Andere mehr. Bezeichnenderweise werden diese Argumente gern von Leuten vorgebracht, die mit anderen, mehr emotional begründeten Vorbehalten gescheitert sind. Auch moderne Bogenjäger reihen sich gern ein, um ihre Art zu jagen (in Deutschland nicht zulässig) zu propagieren. Ich habe gerade zur Bogenjagd schon mehrfach geantwortet (Bogenjagd – einzige Form der weidgerechten Jagd?). Auf den ersten Blick scheint ja etwas dran zu sein an diesen Einwänden. Aber wenn wir uns einmal die Mühe machen und den Dingen auf den Grund gehen, ergibt sich ein ganz erstaunliches Bild.

Nehmen wir doch einmal die Jagd sogenannter Naturvölker, seien es die Khoi- San Südafrikas bei ihrer Buschjagd, seien es einige Nordvölker, denen im gewissen Umfang z. B. die Waljagd, auch auf Großwale, noch gestattet ist. Niemand, kein Walschützer und auch kein noch so militanter Jagdgegner, würde wagen, dieses Recht in Frage zu stellen. Um es klar zu machen: Auch ich nicht, weil es ihr angestammtes Recht ist, offensichtlich seit Jahrtausenden funktioniert und weder die Welt an sich noch die Natur in irgendeiner Weise geschädigt hat. Nur habe ich als aktiver Jäger ja auch nicht einen solchen Bruch zu erklären wie Jagdgegner, die dabei ja einmal mehr eine Ausnahme von ihren geheiligten Regeln machen müssen. Denn eines muss erlaubt sein klarzustellen: Es werden damit ohne wenn und aber Jagdmethoden akzeptiert, die unserem Verständnis von weidgerechter Jagsausübung diametral entgegenstehen, einem Verständnis, das, nebenbei bemerkt, von „unseren“ Jagdgegnern im Zusammenhang mit unserer modernen Jagd nicht nur vehement eingefordert wird, sondern in seiner Ausprägung vielfach als viel zu lax bezeichnet wird. Es wäre eigentlich zum Lachen, wenn es nicht wirklich so traurig und verlogen wäre.

Die Methoden der Jagd

Das fängt damit an, dass z. B. ein Buschmann das nächstbeste Stück schießen wird und es ihm völlig egal ist, ob es sich eventuell um ein führendes Stück handelt und dessen Kalb oder Kitz dadurch zum sicheren Tod verdammt ist. Er nimmt es in Kauf, auch in der sicheren Erkenntnis, dass die Natur für dieses Jungtier ohnehin Verwendung hat, nämlich als Nahrung für die Jungen des z. B. nächstbesten Schakals, der, wäre die Mutterantilope noch am Leben, wenig Chancen gehabt hätte, dieses Kitz zu erbeuten. So aber überleben seine Jungen. Sage mir nun einer, was ethisch höher zu bewerten ist.

Dem Khoi- San- Jäger würde beispielsweise auch Kritik an einer seiner üblichen Jagdmethoden, der Schlingenstellerei, wie Gerede über die Rückseite des Mondes vorkommen; er würde solche Kritik auch gar nicht verstehen können, weil ihm hierzu ganz einfach das logische Instrumentarium, das Bewusstsein, neudeutsch die Software fehlt. Natürlich fühlt ein Buschmann- Jäger Empathie mit lebenden Tieren, er käme gar nicht auf die Idee, sie vorsätzlich zu quälen, und natürlich liebt er die Natur und würde sie um nichts in der Welt gefährden wollen, inklusive des Wildbestandes in ihr. Aber bei der Jagd hat er eben eine andere Sicht der Dinge, passt sich seiner natürlichen Umwelt an. Er käme aber bei der eigentlichen Jagdausübung gar nicht auf die Idee, innerartliche ethische und soziale Aspekte wie Tötungshemmung oder Empathie auf das einzelne Stück Wild zu übertragen. Deswegen nimmt er die Qualen des Wildes, das langsam in seiner Schlinge erdrosselt wird, genauso hin wie Panik, Todesangst und langsames Ersticken der Antilope, in Ausnahmefällen sogar des Großwildes bis hin zu Giraffen, die vom vergifteten kleinen Pfeil des Buschmannjägers getroffen und beileibe nicht auf der Stelle getötet werden. Dazu sind Pfeilverletzungen auf Grund der geringen kinetischen Energieabgabe generell nicht in der Lage, erst recht nicht die aus unserer Sicht lächerlichen „Flitzebögen“ dieser Urjäger.

Es ist übrigens auch völlig unerheblich, wo genau der Pfeil trifft, wenn er nur irgendwo im Tierkörper landet: Ihre Pfeile sind mit einem absolut tödlichen Gift versehen, das sie aus bestimmten Käferlarven gewinnen. Es tötet zwar auch nicht, wie bei uns zwingend gefordert, auf der Stelle. Getroffenes Wild geht, je nach Größe und Konstitution, noch meilenweit und stirbt unter großen Qualen, nämlich durch Lähmung der Atemmuskulatur, vulgo durch Ersticken. Aber es stirbt ganz sicher, und das bedeutet Fleisch für die Familien der Jäger – nichts Anderes zählt. Das stellt keine Herabwertung dieser Menschen und ihres jagdlichen Könnens dar, ganz im Gegenteil. Was diese Jäger aufzuweisen haben an Kenntnis über das Verhalten ihres Jagdwildes, an Fährtenkunde und der Fähigkeit, Wildfährten auszuarbeiten und zu deuten, überfordert unsere Vorstellungskraft. Auch müssen sie auf Abstände von maximal 25 bis 30 Meter an ihr Jagdwild heran, denn weiter können sie mit ihren primitiven Bögen zielgenau gar nicht schießen. Allein das ist schon schwierig genug, und schon allein aus diesem Grund können sie es sich gar nicht erlauben, zu selektieren! Deshalb wären die Vorschriften unserer Jagdgesetzgebung in Bezug auf die Regeln der Weidgerechtigkeit für sie allenfalls böhmische Dörfer, wenn nicht blanker Unsinn und reine Naivität, vor allem aber würden sie für sie die Jagdausübung völlig unmöglich machen.

Ebenso die (wenigen) Eskimo- oder, in der Altwelt, Aleuten- und Tschuktschenvölker, denen heute noch die Jagd z. B. auf Großwale gestattet ist: Niemand nimmt Anstoß daran, dass hoch soziale, hoch empfindungsfähige Tiere über Stunden mit schmalblättrigen Harpunen traktiert werden, so lange, bis eine dieser Harpunen dann tatsächlich rein zufällig einmal eine so große innere Verwundung bewirkt, dass der gejagte Wal langsam innerlich verblutet. So eine Jagd kann sich über Stunden hinziehen, der Stress des angegriffenen Tieres, seine stundenlange Todesangst, seine Schmerzen und seine Panik, all das wird von diesen „Urjägern“ in Kauf genommen. Sie haben Hunger und wollen überleben, sagen sich auch, dass der gewaltsame Tod des Wals beispielsweise durch Orcas, die durchaus auch Großwale, vor allem ihre Kälber, jagen, nicht weniger schlimm ist. Um es klar zu sagen: Sie haben Recht, sowohl Buschmänner als auch Innuit, Aleuten und Tschuktschen. Es ist eben etwas anderes, wenn man von einer Couch aus, sozial in üppigster Weise abgesichert und ohne jegliche Existenz- und Nahrungssorgen, über Jagd, Jagdmethoden und deren Stellenwert und Berechtigung philosophiert (dazu meist als Nichtjäger) als direkt und unmittelbar als Betroffener.

Die große Lüge 

Man sollte an dieser Stelle auch einmal mit einem lieb gewordenen Stereotyp aufräumen, das allgegenwärtig ist in den Köpfen unserer Bevölkerung, nämlich mit der Meinung, dass Luchse, Wölfe, Bären, kurz alle Beutegreifer der „freien Natur“, ja nur alte und schwache Beutetiere fressen, kurz auch „edle Wilde“ sind. Konstruiert wurde es von unseren „Naturfreunden“, die nach dessen überaus erfolgreicher Implementierung nicht bereit sind, wieder auf diese so wirksame Waffe zu verzichten, es wieder zurechtzurücken und dahin zu verweisen, wohin es gehört, nämlich ins Reich der Utopie, denn es ist eine grobe Irreführung der Öffentlichkeit. Unser Raubwild jagt nämlich so, wie wir wirtschaften: Zutiefst ökonomisch. Sie nehmen das, was sie schnellstmöglich bei gleichzeitig geringstmöglichem Einsatz ihrer Ressourcen erbeuten können. Strenge Kosten- / Nutzungsrechnung also, und darin reiten sie auf der gleichen Welle wie unsere Buschmänner und Innuit (die ja auch den ersten besten Wal harpunieren, oder glaubt jemand ernsthaft, die tauchen erst und schauen nach, um was für ein Tier es sich handelt?).

Bär, Wolf, Luchs – sie greifen das, was erreichbar ist, und wenn sie eine unvorsichtige führende, ansonsten vor Gesundheit strotzende Rehgeiß bekommen können, wird diese Beute. Als angenehme Beigabe bekommen sie in den allermeisten Fällen später das / die verwaiste(n) Kitz(e) sowieso. Unbestritten ist, dass z. B. bei Wölfen als Hetzjäger der Anteil an kranken und schwachen Tieren bei ihrer Gesamtbeute i. d. R. überwiegt. Das ist einfach logisch, wenn auch ökologisch noch nicht einmal von ausschlaggebender Bedeutung für die Erhaltung einer Spezies als Ganzes: Ein Wolfsrudel konzentriert sich bei einem Angriff schnell auf das langsamste Tier einer Herde – ökonomisches Jagdverhalten eben. Dass das so ist, ist einfach die Wirkung aus der Ursache, dass es schwächliche, kranke, und (selten) alte, damit langsame Tiere gibt und dass diese deswegen sehr viel leichter zu erbeuten sind als gesunde Tiere. Als Ursache dafür unterzuschieben zu wollen, dass Beutegreifer in unserem modernen Sinne selektiv (weidgerecht) jagen, kann ja wohl nicht ernst gemeint sein. Denn wenn sich in einer Gruppe Karibus keine schwachen Tiere befinden, wird eben ein gesundes Stück zur Beute, ebenso, wenn ein Einzelstück wie z. B. ein Elch angegriffen wird. Das Wolfsrudel, der Bär wird es versuchen – und allenfalls dann ablassen, wenn es sich erweist, dass das Risiko eigener Verletzungen zu hoch ist. Wenn man so will, eine aus der Situation heraus erstellte Kosten- Nutzen- Analyse also. Ansonsten stirbt der gesunde, kräftige Elch.

Und bei der Hauptbeute des Wolfs in Deutschland, dem Reh, gilt das gleiche: Als territorial lebende Spezies spielt der körperliche Zustand bei der Prädation keinerlei Rolle. Jagt der Wolf zufällig in seinem / ihrem  Revier, wird auch der stärkste Bock, die stärkste Ricke Beute. Und beim eleganten Luchs z. B. spiegelt die Jagdstrecke ziemlich genau den Aufbau der Beutetierpopulation, bei uns meist Rehwild,  denn als Lauerjäger nimmt er das, was das Pech hat, seinen Weg zu kreuzen, also ziemlich genau den Querschnitt der Beutetierpopulation im Hinblick auf das Verhältnis krank und gesund, alt und jung. Um es noch einmal klar herauszustellen: Kein Beutegreifer nimmt, im Gegensatz zu uns „modernen“ Jägern, irgendwelche Rücksicht darauf, ob sein Beutetier eventuell gerade ein Kalb / Kitz führt, ob es im Hinblick auf seine besonders gute Konstitution geschont werden sollte, ob es auf der Roten Liste steht oder dass gerade keine Jagdzeit ist. So viel zur viel zitierten, „natürlichen“ Jagd.

Die Methoden der Jagdgegner

Aber all das wirft eben ein bezeichnendes Licht auf die Argumentation unserer Jagdgegner, die sich dieser Dinge nur allzu bewusst sind. Nota bene, ich rechne hierzu nicht unsere ernsthaften Kritiker, die der Jagd an sich positiv gegenüberstehen, aber eben begründete Kritik anbringen in Bereichen, die verbessert werden können. Nein, ich rede hier von den fundamentalen Gegnern, die Jagd an sich rigoros ablehnen, meist aus plump vorgeschobenen pseudo- ethischen Gründen, und die dann zur Durchsetzung ihrer so überirdisch ethisch- edlen Motive höchst irdische, höchst unethische Methoden anwenden: Sie wissen dabei, dass sie in kleinen Schritten vorgehen müssen, um den Bundesbürger nicht zu verprellen, der ja an sich in der Grundtendenz die Jagd positiv sieht; die Manipulation hat also nur in kleinen Schritten zu erfolgen. Man schlägt den Sack und meint den Esel: Der Sack, der geschlagen wird mit dem Knüppel dieser „Ethik“, ist die angebliche Verletzung von Grundsätzen des Mitleides mit der gejagten Kreatur, sind Einzelfälle wie die Verletzung von weidmännischen Grundsätzen wie z. B. das Erlegen von Alttieren vor dem Kitz/ Kalb, die eben manchmal vorkommen und einfach nicht zu vermeiden sind, genauso wenig wie Kometeneinschläge und Autounfälle.

Nützliche Vehikel sind aber auch Dinge wie die jeweils aus gegebenem Anlass schrittweise Verschärfung des Waffenrechts bis hin zum Verbot von Waffen in Privathand generell, das Verbot von bleihaltiger Munition und ähnliches mehr; steter Tropfen höhlt den Stein. Der Esel, der getroffen werden soll, ist nichts weniger als die Jagd an sich. Abgesehen davon, dass die Regeln des weidmännischen Verhaltens, die uns immer wieder vorgehalten werden, von uns Jägern entwickelt wurden und nicht etwa von anderen Naturschützern, verlieren diese Leute auch kein Wort darüber, dass es sich jeweils um Einzelfälle handelt, die keinesfalls die Regel sind, sondern absolute Ausnahmefälle, die auch entsprechend geahndet werden. Dass sie demgegenüber an anderer Stelle viel größere Verletzungen dieser Prinzipien aber völlig widerspruchslos in Kauf nehmen, ja sie als angebliche „natürliche“ Jagd sogar noch vehement verteidigen- niemanden stört´s.

Und das lässt doch nur einen Schluss zu: Die Bemühungen, die Jagd bei uns völlig abzuschaffen bzw. sie, wie in Holland, schleichend unmöglich zu machen, sie sind sämtlich nur Mittel zum Zweck, kein Ziel an sich; denn der Zweck ist nichts weniger als die Erlangung und Erhaltung der Kontrolle über eine geschickt und massiv manipulierte Öffentlichkeit, die die Perfidie dieser Argumentation und ihre offensichtlichen und systemimmanenten Widersprüche nicht erkennt. Was dabei herauskommt, habe ich anlässlich eines ausführlichen Leserbriefes in der DJZ (Ausgabe 2, 2006, „Komplexe und Neurosen“) schon einmal klar ausgesprochen: Ein Freiluftpanoptikum, das von diesen Leuten gottgleich (und mitleidslos) beherrscht wird, unter Ausschluss der ignoranten Masse, die ihnen zwar zu diesem Ziel verholfen hat, aber nach Erreichen dieser Position nicht mehr gebraucht wird.

Einen Ausblick darauf, was uns erwartet, wenn wir nicht reagieren, bietet unser Nachbarland Holland (s. dazu auch Oostvaardersplassen – Naturschutz pervers unter Jagd + Naturschutz).

Ich denke, es wird Zeit, die Dinge wieder gerade zu rücken. Wo leben wir denn?

Kirchveischede, im Mai 2008

Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

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