Morgens unten, abends oben

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Morgens unten, abends oben 

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Ich höre buchstäblich, wie es klickt. Aber keine Angst, ich hab´ nicht umgestellt auf Sexualberatung. Es geht um die Jagd, wie fast immer hier. Und es geht um Banalitäten. Aber gerade die, stelle ich bei Jungjägern fest, werden denen (den Jungjägern) im Jagdkurs nicht beigebracht. Wir Alten wiederum haben gar nicht auf dem Schirm, dass unser Nachwuchs an den Realitäten vorbei ausgebildet wird: Die werden mit Zahnformeln zugemüllt. Zahnformeln! Ich meine: Wenn ein Reh da so liegt, ein Fuchs, ´ne Sau, ein Hirsch, ist das eigentlich die einzige Gelegenheit für einen Jäger, den Tierchen ins Maul, den Fang, den Äser schauen zu können. Weil sie eben tot sind und damit stillhalten. Dann kann es auch ganz spannend sein, mal das Lehrbuch herzunehmen und nachzugucken, wie denn die Zahnformel aus dem Buch sich in der Praxis so bewahrheitet. Oder umgekehrt. Ehrlich gesagt, hatte ich nie den Drang zu sowas. Ich wusste ja, dass das ein Reh, ein Hirsch, ein Elch, ein Fuchs oder sonstwas ist. Vor allem aber, dass alle tot waren. Und daran hätte kein Zahnstatus jemals etwas ändern können.

Es gibt allerdings auch einige simple Dinge, die man als Jäger einfach wissen muss, z. B. beim Rehwild das Ding mit dem berühmten zwei- oder dreiteiligen P 3. Das reicht dann aber auch schon, alles weitere ist reine Wissenschaft. Die viel wichtigere Zahnentwicklung beim Schwarzwild z. B., anhand derer man in den ersten 24 Lebensmonaten fast auf den Monat genau bestimmen kann, wie alt das geschossene Stück ist – von der hat mein Neffe erst von mir gehört. Nach der Jägerprüfung, nachdem er sein erstes Schweinchen geschossen hat. (Blitzsauber übrigens, Zähne hin, Zähne her, er hat gesehen, dass es ein Überläufer war). Ob so ein Gebiss vollständig ist, ob es abnormal ist, ob es Fehlentwicklungen gibt, und nur das Wissenwollen darum kann ja der Grund dafür sein, dass man Jungjägern das Auswendiglernen von Zahnformeln abverlangt – welchen sittlichen und jagdkundlichen Nährwert könnte das haben? Vor allem, wenn ich bedenke, dass man ja den Zahnstatus geschossener Stücke nirgendwo statistisch erfasst. Das ist und bleibt wohl ein ewiges Geheimnis.

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Andere Sachen

Andere Sachen aber, die meiner Meinung nach viel, viel wichtiger für Jungjäger sind als Zahnformeln, wichtiger für die Jagdpraxis an sich, die gehen dagegen völlig unter. Vor allem solche Nebensächlichkeiten wie das Wetter, unser Windsystem. Und das, vorsichtig ausgedrückt, kann ich nicht so richtig nachvollziehen. Man kann auch sagen: Das geht mir ziemlich auf die Nerven. Weil ich nämlich sehe, wie viel Zeit und persönlicher Einsatz und Motivation durch von vornherein aussichtslose Nachtansitze bei Schweinekälte z. B. wirkungslos verpuffen und eigentlich nur zu völliger Frustration führen, mit allen bekannten Folgen. Dabei ist es so einfach, dem vorzubeugen, indem man das als Rüstzeug bei der Ausbildung mitgibt. Ich meine, man verlangt ja von einem angehenden Zimmermann auch nicht, dass der sich Axt, Säge, Stechbeitel und Bohrer selbst erfindet. Man zeigt sie ihm einfach und sagt, wofür sie gut sind. Und gut ist. Bei der Jägerausbildung aber gelten anscheinend andere Regeln. Ich habe deswegen mal so ein paar Selbstverständlichkeiten aufgeführt, wobei das kein Indiz für die Vollständigkeit sein soll.

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Morgens unten, abends oben.

Die Sexualberatung, die keine ist. Ernsthaft jetzt: Egal, ob Du ansitzen oder pirschen willst, achte auf den Wind! Und in 90 % der Fälle ist es, vor allem im Sommer und bei „schönem“, sprich Hochdruckwetter, nicht nur im Hoch-, sondern auch in unseren Mittelgebirgen so:

Gegen Mitternacht haben sich die Hänge abgekühlt, die Luft darüber auch: Sie wird damit dichter, schwerer, beginnt abwärts zu fließen, wie Wasser, auch gegen die vom Wetterdienst angesagte Windrichtung, talabwärts!! Die Luft über den Hängen „rutscht nach“, Richtung Talboden! Keine 200 Meter weiter oben macht der Wind das, was er laut Wetter-online machen soll: Er weht in die vorgegebene Richtung. Der Jäger jedenfalls, der jetzt auf der Kanzel ganz oben hockt, über dem Bachtal („Siepen“ oder „Seifen“ nennt man das hier), über der Schlade (das ist ein Siepen mit einem Bach nach viel Regen), der Jäger sollte besser genug zu lesen und eine Taschenfunzel dabei haben. Sein Odeur verteilt sich, ganz stiekum, aber wirkungsvoll. Talabwärts.

Das ändert sich erst ca. 3 bis 4 Stunden nach Sonnenaufgang.  Bis dahin fließt alles Richtung Tal! Dann dreht sich das langsam ins Gegenteil: Die Sonne steht hoch, erwärmt zunächst die Luft am Ost-, dann Südhang, dann die Luft im Tal, die steigt auf, am Talgrund entsteht damit Unterdruck, Luft strömt nach, nach oben! Sie streicht jetzt das Tal, am Hang hoch, Nachschub wird angesaugt, talaufwärts!! Auch das oft genug gegen die vom Wetterdienst angesagte Windrichtung! Wobei die vom Wetterdienst Recht haben, aber eben für 200 Meter weiter oben bzw. oberhalb der Bergkuppen! Jedenfalls: Der Jäger, der jetzt, mittags bzw. nachmittags und am frühen Abend, auf der Kanzel im Tal sitzt, direkt neben dem Wildacker, an dem Opa Reh auf Reh geschossen hat, und der jetzt darauf wartet, dass das Wild runter kommt ins kühle, schattenreiche Tal –  der lernt, wenn er´s denn lernt: Opa war wohl extremer Frühaufsteher.

Wo also sitze, gehe ich? Wann und wo?

Es gilt die Faustregel, beim Ansitz, beim Pirschen: Morgens unten, abends oben! 

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Helle Nächte, dunkle Nächte

Kurz gesagt: Nach hellen Nächten bringt es mehr, eine oder zwei Stunden länger zu schlafen und dann liegen gebliebene oder verschlampte Arbeit nachzuholen. Fakt ist: Unser Wild nutzt helle Nächte und bewegt sich, ist nachts hoch aktiv. Sobald es dämmert, gehen sie in die Einstände, sie tun sich nieder, verdauen, käuen wieder, dösen und schlafen. Erst nach den obligaten vier bis fünf Stunden (Rehwild!) werden sie wieder hoch. Da sitzt der Jäger längst wieder am Schreibtisch. Die Pflicht ruft.

Die Faustregel also: Nach hellen Nächten hat der Morgenansitz eher geringe Aussicht auf Erfolg, der Abendansitz deutlich mehr. Nach dunklen Nächten ist es umgekehrt. Wobei die Wirksamkeit dieser Regel statistisch zwar nachweisbar, aber eher schwächer ausgeprägt ist. Aber gut: Der Stratege lebt ja von der bestmöglichen Kombination von Wahrscheinlichkeiten.

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Mach Dir Dein eigenes Wetter!

D a s  sollte man nun wirklich können als Jäger! Nichts gegen Wetter-online, das ZDF und wie sie alle heißen: Sie alle müssen eine Prognose für Großräume abgeben, und diese Prognosen treffen zumindest für die nächsten 48 Stunden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zu. Aber eben nur für den Großraum.

Das bringt mir als Jäger in meinem Revier aber relativ wenig bis nichts. Ich persönlich mache meine eigene 24- Stunden- Wetterprognose, allein dadurch, dass ich Wind, Wolkenzug und Wolkenform beobachte. Und ich liege damit im 24- Stunden- Bereich für meinen Beritt um einiges besser als das ZDF oder Wetter- online. Zugegeben, man muss sich ein wenig mit der Wetterkunde beschäftigen, aber Hexenwerk ist das nicht! Was mir z. B. bei meinen schwedischen Jagdfreunden den Ruf des Wetterzauberers eingebracht hat: Die verlassen sich nämlich noch mehr als die Deutschen auf die Auguren, und auch die schwedischen Wetterpropheten müssen für das Große und Ganze prophezeien. Und das ist dann für den Bereich Bolmensee eben öfter in die Hose gegangen, während ich regelmäßig richtig vorhergesagt habe, was passiert. Gestorben sind wir trotzdem nicht. Nur nass geworden. Ich weniger, ich hatte das nötige Zeugs dabei.

Den Russen wiederum ist es nach meiner Erfahrung völlig egal, wie das Wetter wird, die halten sich auch mit keinen Prognosen auf. Die gehen jagen, nach dem gerade aktuellen Fünfjahresplan, selbst wenn es Katzen und Hunde regnet. Wetter ist Wetter. Da kann man nichts ändern, was soll´s? In den Kontext passt übrigens auch der erste russische Satz, den ich gelernt habe (nach Gehör wiedergegeben): „Achota jest achota.“ Auf Deutsch: „Jagd ist Jagd.“ (Man sieht, russisch und deutsch sind sehr eng verwandte Sprachen.) Das war immer der Spruch, vorgebracht mit einem Achselzucken, nachdem wir mal wieder wie die Blöden 12 Stunden durch den Wald gerannt sind, ohne auch nur ein Haar von einem Elch zu sehen. Ich habe aber trotzdem so viel gelernt bei denen, was Ausdauer, Stressresistenz und einfach nur den Umgang mit Realitäten angeht, dass das allein schon die Fahrten wert war. In jedem Fall galt: Wenn Du ein Problem hast, und da gab es einige wie festgefahrene Zwölftonner und ähnliche Kleinigkeiten, mitten in der Walachei, ohne Abschleppdienst und Handy  – Feuer machen, Tee kochen und nachdenken. In Ruhe. Danach haben die das geregelt.

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Aber jetzt zum deutschen Wetter:

Spannend ist es immer unmittelbar vor oder nach einer länger andauernden Wetterphase wie Trockenheit oder Regen! Allein deswegen schon ist es gut, dass man die Zeichen einer Wetteränderung zu deuten weiß. Schlägt nach einer längeren Schlecht- oder Schönwetterphase das Wetter um, vor allem im Sommer, lohnt es sich unbedingt, vor einer absehbaren Wetterverschlechterung, vor allem aber möglichst bald nach nach dem Wetterumschwung zum „Besseren“ rauszugehen. Sie sind draußen, aktiv.

Hoch interessant wird es, wenn es nach einer längeren Trocken- bzw. Hitzeperiode ein Gewitter gibt! Bei Wärmegewittern passiert das, logisch, meistens am späten Nachmittag (bei Frontgewittern oder Gewitterfronten gibt´s keine zeitliche Regel). Egal wo Du dann bist, auf Deiner Hochzeit, auf der Hochzeit Deiner Tochter, unmittelbar vor dem Millionen- Abschluss wegen des neuen Bauprojekts: Vergiss alles, entschuldige Dich mit Durchfall (beweise es nötigenfalls kurz!) oder dem Herztod der Schwiegermutter 1) und sieh´ zu, dass Du unmittelbar nach dem Gewitter im Revier bist! 

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Clevere Jäger

Ein cleverer Jäger wird bemerken, dass sich o. a. Phänomene teilweise überlagern, ja sich in Einzelfällen sogar widersprechen können. Das stimmt. Aber wer sagt denn, dass man nach Ablegung der Jägerprüfung das Denken allen anderen überlassen soll? Ganz im Gegenteil!! Denk´ nach, triff Deine Entscheidung!

Und wenn Dein Super- Plan wie so oft nicht klappt, sag einfach nur laut

Scheiße!!

Mach´ ich auch. Dann geh´ nach Hause und besprich´ das Problem mit Deiner Frau bzw. Deinem Mann. Meine ist zwar sehr jagdaffin, aber selbst keine Jägerin. Das hat auch sein Gutes, sie hat in vielen Dingen die Sicht nicht verstellt. Da hab´ ich schon manchen guten Tipp bekommen. Und ihr Kaffee ist einfach nicht zu toppen.

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Kirchveischede, 28. Februar 2016

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Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

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1) Wenn Deine Geschäftspartner wissen, dass Du Jäger bist, kannst Du auch sagen, dass Du eben mal schnell den Heiratsantrag vom Papst annehmen willst oder ähnlichen Unsinn. Die wissen eh Bescheid, und keine Ausrede dieser Welt könnte jemals so kreativ sein, dass die nicht doch ihr Unterlid runterziehen und grinsen wie ein Hauklotz.

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2 Kommentare zu Morgens unten, abends oben

  1. Helmstetter sagt:

    Vielen Dank für die guten Ratschläge von einem Sauerländer an einen Sauerländer. Sie haben viel Spaß gemacht und werden bestimmt in meine jagdliche Grundbildung einfließen.

    Wobei: „Scheiße“ sagt eher meine Frau, sie ist auch Jägerin.

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