Rehe drücken – aber richtig!

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Rehe drücken – aber richtig!

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In der Welt rumjagen ist was Schönes. Elche in Russland und Sibirien, Rehe in Schweden, Gams in Österreich, Rotwild, Sauen in Litauen, Ungarn, Rumänien, Pronghorns und Weißwedel in Montana und Wyoming – das hat was. Man lernt jede Menge Leute kennen, man lernt jede Menge Jäger kennen, man lernt in puncto Jagd dazu, man lernt andere Länder, Sitten und Gebräuche kennen, man kann nebenbei die Verwandtschaft besuchen. Wie gesagt, das hat was. Aber irgendwann überkommt es einen: Man möchte auch mal was „um die Ecke“ und für sich haben. So did I.

Das erste „um die Ecke“ war in Thüringen, Bad Liebenstein. Also nicht wirklich um die Ecke. Ein Kurort. Bis ich da 1992 Pächter wurde, habe ich mir auch nicht annähernd vorstellen können, zu welchen Uhrzeiten und wo überall einem Kurgäste entgegen krauchen können! Aber es war trotzdem schön, auch, weil ich da einige gute Freunde gefunden habe. Zwei oder drei Jahre später habe ich mich zusätzlich auch im Sauerland verwirklicht, diesmal wirklich direkt bei mir um die Ecke; es war einfach zu verlockend. Es war ein Sauerlandrevier, nur 240 Hektar groß, nichts Spektakuläres. Ich will damit sagen, dass ich nicht von kapitalen Hirschen umgerannt wurde, erst recht nicht von Elchen, Pronghorns, Weißwedel und weiß Diana sonst noch was. Es gab nur viele Rehe, ein paar Sauen, Füchse. Der Pachtpreis war eigentlich unanständig. Aber es war, wie gesagt, um die Ecke. Ich war in ein paar Minuten im Revier.  

Ich glaube, jeder, der schon einmal ein Waldrevier gepachtet hat und nicht das Glück oder die Finanzen hat, sich entweder selbst im Fulltime- Job kümmern oder zur Bewirtschaftung einen Berufsjäger einstellen zu können, weiß, wie schwierig es ist, dort seinen vorgegebenen Abschuss an Schalenwild zu erfüllen; vor allem rede ich dabei über das weibliche Rehwild. Mit den Sauen macht das hier bei uns weniger Probleme, weil so gut wie kein Ackerbau betrieben wird, aus klimatischen Gründen und wegen der nicht so berauschenden Böden. Wenn sie mal eine Wiese umdrehen, arrangiert man sich irgendwie mit den Bauern. 

Die Forstwirte haben wiederum mit den Sauen keine Probleme. Dafür aber mit den Rehen! Gerade der Staatsforst macht da regelmäßig ein Riesenfass auf wegen der kleinen roten Knospenbeißer. Also, ich persönlich sehe das nicht ganz so verbissen. Verbiss ist ja keine neue Erfindung, sondern liegt im Gegenteil bei unseren Trughirschen auf den Chromosomen. Die brauchen das einfach, weil sie sich so ihren Lebensraum erhalten, nämlich die durch Windbruch, Feuer oder sonstige Kalamitäten entstandenen Lichtinseln mitsamt den dadurch entstandenen Grenzlinien und dem nur da wachsenden hartfaserfreien Aufwuchs. Bis jetzt ist die Natur damit gut klar gekommen, ich habe jedenfalls nichts Gegenteiliges gehört. Aber es ist wie in der Medizin: Es gibt keinen gesunden Menschen. Es gibt nur Menschen, die noch nicht gründlich genug untersucht worden sind. Es ist doch ganz simpel: Wenn ich Alarm machen will, nehme ich irgendetwas bis dahin völlig Unverdächtiges, hänge ihm den Nimbus des „völlig unterschätzten, schlafenden Risikos“ an, und schon habe ich ein Thema (Hui Buh, das Waldsterben. Klappt aber auch mit dem Klima, ja sogar mit Blei in Jagdgeschossen!). Unweigerlich habe ich dann BILD, Praline, die Grünen und ihre Apologeten NABU, BUND auf meiner Seite. Mit den Grünen habe ich natürlich auch die Forstämter, denn die Umweltministerien sind seit 20 Jahren i. d. R. grüner Natur. 

Wo war ich stehengeblieben? Ach so, beim Verbiss. Nebenbei bemerkt: Ganz, ganz eifrige Verbeißer sind z. B. auch die Wisente. Und zwar ausgeprägt. Aber da ist der sonst so heftig beklagte Verbiss kein Thema, die will auch keiner mehr abschaffen, wo wir sie gerade erst angeschafft haben im Sauerland und Wittgensteinischen. Herrje, man kann als  „Hobbyjäger“ wirklich durcheinander kommen. 

Verbiss ist also, forstwirtschaftlich gesehen, eigentlich mehr ein ideologisches Problem: Ein verbissener Leittrieb eines „Edellaubholzes“ löst hasserfüllte Rachefeldzüge aus. Einige forstwissenschaftliche Fakultäten in Deutschland bringen das ihren Adepten so bei. Ganz besonders rigoros und eifrig in dieser Hinsicht sind sämtliche Forstbehörden der Länder, bei denen die Grünen den mittlerweile zum Erbhof verkommenen Bereich „Umwelt, Natur, Land- und Forstwirtschaft“ ministeriell besetzt halten. (Wir alle wissen, welche fatalen Auswirkungen nicht nur auf eine Volkswirtschaft sie haben können, die Erbhöfe.) Forstamtsleiter, die etwas anderes propagieren als die rastlose Verfolgung des Schalenwilds, können sich Karrierechancen von vornherein an die Garderobenhaken ihrer Amtsstuben hängen.  So weit, so schlecht; das ist die eine Sicht.

Im Hinblick auf die Jäger aber ist es auch ein Problem, nämlich das der Lässlichkeit, der Nachlässigkeit, des Verschenkens natürlicher Ressourcen, denn sie sterben, unsere Rehe, ob wir sie schießen oder nicht. Jetzt könnte man ja meinen, na gut, wer hat denn dabei den Schaden? Verbiss ist was Natürliches, Punkt. Wenn die Jäger wiederum nicht schießen, sind sie selbst Schuld, die Pfeifen. Stimmt auch. Das Problem ist: Wir tragen diesen theoretischen Disput buchstäblich auf dem Rücken unseres Wildes aus, vor allem auf dem der Spezies capreolus capreolus. Und dabei kämen wir, bei einigermaßen gutem Willen und Hintanstellung einiger scheinbar unverrückbarer Dogmen auf beiden Seiten, endlich mal wieder in einem wichtigen Punkt zusammen, wenn auch von zwei völlig verschiedenen Ansätzen her. 1)

Denn eines muss man zugeben, in einem Punkt haben sie Recht, die Förster: Mit wenigen Ausnahmen wird viel zu wenig weibliches Rehwild geschossen bzw. schlicht der vorgegebene Abschuss nicht erfüllt, und wo der Bestand an Rehen deutlich und dauerhaft über der Biotop- Kapazität liegt, kann sich der eigentlich ganz natürliche Verbiss sehr wohl zu einem wirtschaftlichen Problem auswachsen. Das ist fast nie böser Wille, sondern liegt einfach daran, dass viele Pächter ihre Rehe immer noch so bejagen, wie das unsere Großväter vor 100 Jahren getan haben – fast ausschließlich per Ansitz. Früher klappte das. Jeder weiß, dass Rehwild alle vier bis fünf Stunden Nahrung aufnehmen muss, das liegt einfach an seinem Verdauungssystem. Damals hatte man dazu ganz andere Verhältnisse als wir heute: Strikter Altersklassenwald, reine Fichtenbestände. Wollte das Rehwild nicht verhungern, musste es auf die Wiesen austreten. Wenn sie das aber tun (müssen), tun sie das höchst ungern allein und ohne Begleitung.

Unsere älteren Herrschaften, die sich an solche alten Zeiten noch erinnern, interpretieren das heute so: „Früher hatten wir viel mehr Rehe, da standen oft 10, 20 Stücke draußen auf den Wiesen!“ Das waren noch Zeiten. Das genaue Gegenteil ist heute der Fall – es stehen zwar keine 10, 20 Rehe mehr auf den Wiesen, aber dafür 30, 40 unsichtbar und verstreut dahinter in den Beständen, in den Himbeeren, den Anpflanzungen. Und niemand ist darüber glücklicher als unsere Rehe. Die, die vereinzelt noch auf den Wiesen stehen, stehen deswegen da, weil sie im Bestand von den anderen „auf den Sock“ gebracht werden. Die Loser, auf neudeutsch.

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Die Zeiten ändern sich …..

Wir haben heute nämlich alles andere als den Wald von damals. Ganz abgesehen von den riesigen Windwurf- Flächen von Kyrill wird heute im Plenter-, Femelhieb bewirtschaftet, werden die Altfichten- Bestände ausgelichtet und mit Laubhölzern unterpflanzt, hat die Zahl der Wege und damit der Grenzlinien enorm zugenommen. Zusammen mit dem reichlichen Stickstoffeintrag über die Luft hat sich damit aber auch die verfügbare Biomasse, sprich das Nahrungsangebot, verzigfacht, und, vor allem, gibt es Nahrung im Überfluss jetzt da, wo es den Rehen in nahezu idealer Weise entgegenkommt, nämlich unmittelbar in bzw. neben den Einständen.

Kein Reh in einem Waldrevier (in reinen Feldrevieren haben sie ihr Verhalten umgestellt, sie stellen sich so weit draußen hin, dass sie am Montag schon sehen, wer am nächsten Sonntag zu Besuch kommt) ist heute noch gezwungen, sich mehrmals am Tag auf freie Wiesenflächen zu stellen, um satt zu werden. Das tun sie, ganz nebenbei bemerkt, sowieso nicht gern. Rehe sind Grenzlinienbewohner, Drücker und Schlüpfer, wenn man so will, und sie lieben unbedingt die Deckung! Sie gehen auf freie Flächen ohne Sichtschutz nur, wenn es gar nicht anders geht. Und deswegen kommen ihnen die heutigen Verhältnisse so entgegen: Es gibt Massen an Nahrung, Mengen an Dickungen und Deckung, das alles perfekt kombiniert in den Kyrill- Flächen. Schon bei einem Bewuchs von 90 cm Höhe sind sie einfach weg; sie stehen und äsen in den Himbeer- Verhauen der Kleinflächen, die von den Erben nicht mehr bewirtschaftet werden; sie äsen sich satt an den Hunderten von Kilometern Grenzlinien und Forstwegen, in den Lichtinseln, die es früher nie gab – und lassen Spaziergänger, Reiter und Waldarbeiter ungerührt auf zehn Meter an sich vorbeilaufen.

Nur wir, die Jäger, sehen sie nicht mehr. Weil sie uns nicht trauen. Das Rumgeschleiche, das Pirschen, das Ansitzen auf immer den gleichen Kanzeln – quos ego, denken die sich und stehlen sich weg, schon lange, bevor wir überhaupt eine Ahnung haben, dass sie da sind. Und sogar unserem Hund gewöhnen wir ab, sie uns zu zeigen. Sobald wir in Waldrandnähe kommen, wird er jimmelig – und wird prompt gerüffelt! Benimm´ Dich! Also lässt der´s nach einer gewissen Zeit. Damit ist er zwar ein lieber Hund, aber für des Jägermanns Erkenntnisgewinnung ein Totalausfall. Aber die Rehe sind da. Und wie und wie viele! Und während an jedem Stammtisch gebarmt wird, dass unser Rehwild unmittelbar vor dem Aussterben steht, kratzen die gleichen Alarmisten jedes Jahr immer mehr von ihnen von den Straßen, finden sie verludert ohne Anzeichen von Gewalteinwirkung im Revier. Und die, die noch geschossen werden, aber auch die, die von den Straßen gekratzt werden, haben nicht selten Gewichte von aufgebrochen unter 10 Kilo; Stücke von 15 kg und mehr sind in manchen Revieren schon fast die Ausnahme.

Wer da jetzt meint, ich übertreibe, ich stünde mit dieser Meinung alleine da – weit gefehlt! Ich bekomme sogar jede Menge Zustimmung, jedes Jahr. Von wem? Na von den Revierinhabern und Pächtern in NRW. Denn jedes Jahr wird von ihnen mit schöner Regelmäßigkeit amtlich zu Protokoll gegeben, dass das so ist. Es steht nämlich in den Streckenmeldungen. Schauen wir da mal näher hin.

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Die Statistik 

In den Streckenstatistiken des LJV NRW der letzten 6 Jahre ist durchgehend zu lesen, dass in unserem Bundesland jährlich rund 90.000 Rehe zur Strecke kommen. Diese Zahlen basieren, wie gesagt, auf den Meldungen der Revierinhaber. Gemeldet wird mit schöner Regelmäßigkeit und entwaffnender Offenheit aber auch, dass gut 30 %!! der gemeldeten Rehwild- Gesamtstrecke Fallwild ist, wobei klargestellt wird, dass es sich dabei zu fast 100 % um Opfer des Straßenverkehrs handelt. Dass dagegen über die ganzen Jahre hinweg der Fallwildanteil am übrigen Schalenwild (Schwarz-, Rot-, Dam-, Sikawild und Mufflons) nur bei tolerierbaren, weil wohl nicht zu vermeidenden rund 5 % der jeweiligen Gesamtstrecke liegt, diese Diskrepanz scheint über die Jahre hinweg noch niemandem aufgefallen zu sein.

Die einzig dafür in Frage kommende Ursache, nämlich viel zu hohe Rehwildbestände, wird ausdauernd und lebhaft dementiert, mit den altbekannten, stereotypen Begründungen: „Wir haben kein Rehwild mehr. Wir sehen nämlich keines. Können wir auch gar nicht, weil die ja alle vor die Autos rennen.“ Eine typische Ursache- Wirkungs- Konfusion also. Das Schlimme daran ist: Wenn man den Dingen auf den Grund geht, mal einen Schritt weiterdenkt, ist die tatsächliche Situation sogar noch viel entmutigender als man vordergründig aus den sowieso schon tristen Zahlen herleiten kann. Zwei Dinge nämlich kann man dabei als gesichert annehmen: 

  1. dass der gemeldete Abschuss an weiblichem Rehwild, dem Zuwachsträger also, üblicherweise ca. 50 % der Gesamtstrecke, schlicht falsch ist (von ganz wenigen Revieren abgesehen). Das heißt, der vorgegebene Abschuss ist meist bei weitem nicht erfüllt, wurde aber in voller Höhe als getätigt gemeldet, oder, anders herum ausgedrückt, der tatsächliche Abschuss an (weiblichem) Rehwild ist deutlich niedriger als gemeldet; will ich aber in einen Bestand eingreifen, geht das nur über die Zuwachsträger.
  1. dass die gemeldeten Zahlen fürs Fallwild dagegen den Tatsachen entsprechen. Der paradoxe Grund dafür: Bei vielen Jägern, die ich kenne, kann man fast so etwas wie Erleichterung darüber erkennen, dass die Straße für sie den Abschuss erledigt. Sie stellen das, meist ein bisschen verlegen, kurzerhand als Grund dafür dar, dass sie so wenig weibliches Rehwild und Kitze sehen bzw. schießen (s. Ursache-Wirkungs-Konfusion); es gibt also keinen Grund zu tricksen. 

Das bedeutet weiter, logisch, dass der prozentuale Anteil des (korrekt gemeldeten) Fallwildes an der tatsächlichen Rehwild- Gesamtstrecke deutlich höher liegt als sich aus den getürkten Streckenmeldungen errechnen lässt, bei 40, vielleicht 45 %! Ich denke, man muss kein Prophet sein, wenn man unterstellt, dass sich das mehr oder weniger auch auf alle anderen Bundesländer übertragen lässt. So viel zum Vorspann. Jetzt zu meiner eigentlichen Geschichte. 

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Abschussplanerfüllung – man lernt

Ich hatte ein Revier im Sauerland. Schöne Sache, ich habe mir das auch ganz idyllisch vorgestellt: Direkt um die Ecke, man kann morgens, abends auch mal kurz entschlossen raus, man geht eben hin, bummelt ein bisschen rum, schießt sein Wild, die Tage sind voller ungetrübter jagdlicher Freuden, man erfüllt so en passant seinen Abschussplan  – die Welt ist schön. 

In vielen Dingen war sie das ja, und sie ist es heute noch. Es gibt wirklich nichts Schöneres, als jederzeit im Revier sein zu können und gleichzeitig zu wissen, dass man innerhalb einer halben Stunde auch am warmen Ofen sitzen, unter der warmen Dusche stehen kann. So etwas erhöht die Ausdauer z. B. beim nächtlich- winterlichen Fuchs- oder Sauenansitz ungemein! Aber so ein eigenes Revier hat, wie fast alles in der Welt, neben den Licht- auch Schattenseiten. Eine dieser Schattenseiten ist verwaltungstechnisch – bürokratisch bedingt, dabei, wie wir bereits gesehen haben, zumindest bei der Rehwildbejagung eigentlich von ähnlich geistigem Nährwert wie die Jagdpolitik der Grünen, und nimmt Gestalt an im Abschussplan. 2)

Die wahre Bedeutung dieses Begriffs hatte ich katastrophal unterschätzt. Sicher, in der Häschenschule wurde uns immer wieder davon erzählt. Ahnungsvolles Geraune: Ganz was Schlimmes. Aber eben nichts selbst schlimm Erlebtes. In Deutschland war ich ja bis dahin, herrlich bequem, immer nur Gast, für nichts verantwortlich. Ansonsten war ich dauernd unterwegs – Ausland, man gönnt sich ja sonst nichts! Wer fragt in Schweden, Rumänien, Ungarn nach dem Abschussplan? Ehrlich gesagt, kein Mensch. In Russland sowieso nicht, und bei der Lizenzjagd in Nordamerika erübrigt sich die Frage auch. Dementsprechend war ich ganz schön naiv. Das Liebensteiner Revier ging noch so, ich hatte wirklich gute Jagdaufseher, Kalli Roth, Gerd (das Füchschen) Fuchs. Seine Frau Elke, eine Diana, wie sie im Buch steht, hat den Jagdschein erst ein paar Jahre später gemacht, war aber damals schon aktiv im Revier bei den unumgänglichen Arbeiten. Die haben für mich den Kram gemacht, waren absolut vertrauenswürdig, ich brauchte mich um nichts zu kümmern. Gerd und Kalli haben sich auch um die Erfüllung der Abschusspläne gekümmert. Zuletzt bin ich sowieso nur noch ein paar Mal im Jahr angereist, und wenn ich dann kam, hatten wir Spaß, am Jagen und weil wir uns gesehen haben.

Aber im Sauerlandrevier war ich dann selbst gefordert, mit nur Spaß war´s vorbei! Ich hatte da, im Gegensatz zu Liebenstein, kein Rotwild und zunächst auch nur wenig Schwarzwild. Hauptwildart: Rehwild, davon aber genug. Als Dreingabe gab´s jede Menge kleinparzelligen Privatwald, einige nicht bewirtschaftete Flächen, verfilzter Urwald also, Unterwuchs, Lichtinseln, Grenzlinien. Und Gatter mit Weihnachtsbäumen! Mit Verbiss hatten wir kein Problem, die jährliche Wildschadenserhebung zeigte regelmäßig zwischen 0 und 10 % der Verjüngung, obwohl es Rehwild satt gab; allerdings hatten wir den meisten Anblick auf der B 55. Die war die Nordgrenze des Reviers und gleichzeitig Piste für Möchtegern- Schumis. Regelmäßig gab´s Wildunfälle, das war unser Problem, zum Glück immer ohne Personenschäden. Aber es war eben nur eine Frage der Zeit. Wir haben also alles versucht, die Viecher von der Straße wegzuhalten: Alte CD´s, die so lustig blinken, Stinkschaum an den Leitplanken, Arsch- platt- Sitzen – alles umsonst. Die Böcke haben wir zwar immer gekriegt, einfach weil die verhaltenstypisch viel mehr unterwegs waren. Die meisten schon im Mai, den Rest bei der Blattjagd. Bei den Weibern aber ging einfach nichts – im September zwei, drei, aber danach? Fiat lux. 

Da kommt man automatisch auf die Idee: Gut, wenn ich sie vom Ansitz aus nicht kriege, dann machen wir eben mal ´ne „Treibjagd“. Das haben mir meine Jagdkollegen vorgeschlagen, viele davon Jäger mit Revieren hier um die Ecke, viele andere Leute mit respektabler Erfahrung. Gesagt, getan, wenn die´s so sagen  – ich nahm´s in Angriff nach alter Väter Sitte. Die Stimmung war gut, nur das Ergebnis nicht so richtig. Die Dickungen, in denen Rehwild ganz zweifellos immer steckte, abgestellt, dann getrieben. Ergebnis: Wenig über null. Also das Ganze noch mal. Und so fort. Frei nach dem Motto: Als sich herausstellte, dass meine Methoden völlig unbrauchbar waren, habe ich meine Bemühungen vervielfacht. Nur mit immer dem gleichen Ergebnis, mathematisch ausgedrückt mit 0 mal x = 0. Aber Rehwild war da, nach wie vor. Die Bauern, Waldarbeiter, die Reiter, sie alle berichteten von reichlich Anblick, die Fährtenbilder, gefundene Betten usw. bestätigten das. 

In zwei Jahren der zunehmenden Verzweiflung entwickelte sich ein anfangs nur vager Verdacht zur Gewissheit – ich musste meine Methoden, meine Art zu jagen auf den Prüfstand stellen, wenn ich mich als Jäger weiter ernst nehmen wollte. 

Man glaubt gar nicht, wie schwierig das ist. Schon vom Selbstverständnis her. Ich – auslandsjagdgestählt, Elche, Hirsche, Sauen, Gams, Weißwedel, Pronghorns auf der Karte – ich sollte kapitulieren vor  R e h e n? Nach gut 10 Jagdjahren, als Hundeführer, mit Lehrgängen und Seminaren ohne Zahl, Schweißhundführerlehrgänge bei Joachim Borngräber in Springe, persönlich bekannt mit Bruno Hespeler? Das sind ja nun wirklich Schwergewichte, ganz abgesehen von Mengen an Fachbüchern, die meine Regale füllen (und die ich auch wirklich lese!). Was die Sache zusätzlich erschwerte, waren meine Freunde, die mich leiden sahen und mir mitleidig- tröstend versicherten, dass ich alles richtig mache. Weil´s eben schon immer so gemacht worden ist, und dass die ganzen Theoretiker und „Literaten“ wie Hespeler, Ellenberg, Kurt, von Bayern und viele andere mehr im Gegensatz zu mir lediglich theoretisierende Feingeister seien, die ein gestandener Jäger nicht ernst zu nehmen brauche. 

Wie gern glaubt man so was. Das ist auch so bequem, man braucht ja nichts zu ändern, und schuld sind grundsätzlich andere bei diesem Lebensmodell.

Manchmal aber kann ich ausgesprochen misstrauisch werden – und sein.

Vor allem dann, wenn mir durch die Bank alle versichern, dass ich Recht habe. Dann stimmt meistens was nicht. Argwöhnische Menschen können daraus nämlich auch folgenden Schluss ziehen: Die tun zwar so unbeschwert, sind aber tief im Inneren genauso hilflos wie Du. Und um das zu verbergen, versuchen sie folgerichtig, die Reihen mental geschlossen zu halten: Bloß keine Unruhe reinbringen, wo´s doch gerade doch so schön und gemütlich ist!

Ich habe also alle Bücher zu dem Thema genommen, sie noch mal gelesen, diesmal mit dem Vorsatz, sie auch zu verinnerlichen und Nutzen daraus zu ziehen, kurz, ich habe angefangen, sie ernst zu nehmen. Ich habe ein paar Monate an einem Konzept gearbeitet, und als ich meinte, dass es rund sei, habe ich es dann durchgezogen.

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Das Leben

Um es klar zu sagen: Zunächst gab´s nur Frust. Hoch 3. Erst wurde ich nur bedauert. „Du liest zuviel! Das bringt doch eh nichts!“ Und, ehrlich gesagt, im ersten Jahr war es eine ziemliche Katastrophe. Ein Aufmarsch wie 1916 bei Verdun, und ein Reh! Ich hab´s weggesteckt. Hilfreich war, dass meine Mitjäger eben Freunde waren. Statt hinterrücks Häme gab´s beim Bier danach nur freundschaftliche Sticheleien, vor allem aber Hinweise, Beobachtungen, Diskussionen. Das zweite Jahr lief dann schon besser, weil Erfahrungen aus dem ersten Jahr eingebaut wurden. Im dritten Jahr dann der Durchbruch: 13 Kitze und Schmalrehe, 3 Füchse, ein Überläufer – und so blieb es im Großen und Ganzen. 

Das Ganze hat mir danach in der jagdlichen Nachbarschaft keine Freunde geschaffen, im Gegenteil. Vorwurf: „Der schießt sein Revier leer, und alle unsere Rehe (die´s ja eigentlich bei ihnen gar nicht gab!) rennen jetzt zu dem und lassen sich da reihenweise totschießen.“ Im Ernst, das ist keine Satire, und ich bin sicher, dass es Leidensgenossen mit ähnlichem Erfahrungshorizont gibt. Das war schade, aber nicht zu ändern. Mir jedenfalls hat diese Änderung einiges gebracht, nämlich, dass a) ich meinen Abschuss an weiblichem Rehwild und Kitzen locker an einem einzigen Jagdtag erfüllt habe, b) alle Beteiligten begeistert waren, weil ganz ordentlich Beute gemacht wurde und c) ich Revier und Wild danach ohne größere Störungen überwintern lassen konnte.

Das führt aber zwingend zu der Frage:

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Was hat der eigentlich anders gemacht als früher? 

Antwort: Nichts. Eigentlich gar nichts. Ich hab´ die Jagd nicht neu erfunden! Ich habe einfach nur die einzelnen Abläufe, die Komponenten anders arrangiert und geordnet, sowohl zeitlich gesehen als auch in den Wirkkombinationen. Ich habe Rat aus den Fachbüchern angenommen, sie in meine Revier- Wirklichkeit übertragen, meine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen mal systematisch analysiert, mit anderen Jägern, Freunden diskutiert und alles dann möglichst sinnvoll in Übereinstimmung gebracht und kombiniert. Mehr nicht. Und das kann jeder! 

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Zu den Einzelheiten:

Die gedrückten Areale bzw. die betreffenden Revierteile sollten mindestens je 100 bis max. 150 Hektar groß sein. Benötigt werden ca. 35 bis 45 Schützen und ca. 10 bis 15 Hundeführer / Durchgehschützen und „Durchgeher“, um den Begriff „Treiber“ zu vermeiden. Das geht natürlich auch größer, keine Frage, nach oben gibt´s buchstäblich keine Grenzen, aber das ist dann natürlich auch ein weit größerer Kreis an Beteiligten und vor allem ein enormer Planungsaufwand. In der o. a. Größe und Relation ist es meiner Meinung nach noch gut handhabbar. 

Bei der Festlegung des Areals bzw. der Areale sollte unbedingt der Geländezuschnitt mit berücksichtigt werden. Im Bergland z. B. ist es angeraten, die Durchgeher möglichst vom Talgrund aus bergauf gehen zu lassen; Wild bewegt sich, angerührt, gern hangaufwärts; es verspricht sich wahrscheinlich damit einen besseren Überblick und das Entkommen zur anderen Seite ins Tal. Das heißt, das bejagte Areal sollte so gewählt werden, dass von allen Seiten aus bergauf gedrückt werden kann – z. B. indem ich ein oder zwei größere Gelände- oder Bergrücken als Jagdfläche festlege.  

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Die Planung 

Eine Drückjagd wird mindestens sechs Wochen im Voraus geplant und nicht erst zehn Minuten vor dem Anblasen! Das ist, nebenbei erwähnt, auch der ganz banale Grund dafür, dass man eine solche Jagd nicht beliebig oft ansetzen kann; deswegen macht man´s besser gründlich. (Merke: Man hat nie die Zeit, etwas von vornherein gründlich zu machen. Man hat aber komischerweise immer die Zeit, es dann nochmal zu machen.) Zur Planung und Vorbereitung gehören solche Kleinigkeiten wie Stände auszeichnen, Gefährdungsbereiche markieren, Karten anfertigen und vervielfältigen, Verzeichnisse von Handynummern aufstellen. Jawohl, Handies! Wir leben im 21. Jahrhundert, und ich halte es nicht für ein Verbrechen oder einen Verstoß gegen geheiligte Traditionen, wenn man sich die moderne Technik da zunutze macht, wo sie für mehr Sicherheit und Effektivität sorgt. Und eines versteht sich von selbst: Früh genug einladen!! Möglichst schon Monate vorher. Gerade die guten Schützen und Jäger haben, wie wir alle wissen, im Herbst einen volleren Terminkalender als unsere Bundeskanzlerin. Wenn Sie, wie wir, einen festen Termin haben (erster Samstag im Dezember) und die Jagd gut organisiert und erfolgreich war und das Gesellige danach in guter Erinnerung ist, sind Sie aber sowieso in den entsprechenden Terminkalendern als jour fixe eingeplant. Jeder Teilnehmer bekommt also ein Telefonverzeichnis, und jeder Teilnehmer bekommt auch eine Revierkarte, hergestellt aus der guten alten deutschen Grundkarte, aus der alles Wichtige hervorgeht, so z. B. die Lage des Sammelplatzes, die Bewegungsrichtung der Durchgeher, die Forstwege, etc. etc. Das Schöne dabei: Haben Sie das für Ihr Revier einmal durch, ist der Aufwand in Folgejahren natürlich deutlich geringer als beim ersten Mal. Aber man muss halt „dranbleiben“.  

Wir haben immer drei Durchgehergruppen gebildet und je einen „chef d´escadre“ bestimmt, der seine Gruppe koordinierte. Alle Durchgeher, Durchgehschützen und Hundeführer werden an mindestens einem Abend, besser an zwei Abenden bei einem Imbiss und einer Kleinigkeit zu trinken  e x a k t  in die Planung eingeweiht! Bei mir haben diese Sitzungen immer mindestens 2 Stunden gedauert. Vorteil: Weil alle bis ins letzte Detail den „Schlachtplan“ kannten, war jeder Einzelne später in der Lage, situationsbedingte Änderungen in seinem Bereich vorzunehmen, ohne damit die Gesamtplanung zu konterkarieren. Wie oft haben wir es erlebt, dass überraschend an einer Stelle durchforstet wurde, um nur eine mögliche Störung zu nennen. Wenn aber taktische Änderungen nötig werden, müssen sie, logisch, so vorgenommen werden, dass sie das übergeordnete strategische Ziel nicht gefährden. Aber auch der beste „Frontoffizier“ wird dabei versagen, wenn er nicht über die Gesamtstrategie im Bilde ist!

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Die Hunde

Kommen wir zu den Hunden. Hier gilt: Eignung vor Theorie! Auch wenn ich jetzt von den Wächtern der reinen Lehre einmal mehr gedanklich und verbal gesteinigt werde: Zumindest in kleinflächig strukturierten Revieren mit dichten Dickungen sind sichtlaute, eher kleinere Hunde erste Wahl! Fährtenlaute Hunde werden einfach vorgeführt: Rehe und Sauen treten in Dickungen und Einständen zunächst unschlüssig hin und her, bevor sie sie verlassen. Das verursacht eine Unmenge an frischen Fährten, und kommt der fährtenlaute Hund drauf, startet das Geläut. Das Wild hat damit aber den Hund akustisch „im Griff“ und kann dessen Standort und sogar seine Bewegungsrichtung ziemlich genau einschätzen. Rehwild, Sauen, Füchse bleiben, wo sie sind, wenn sie das Gefühl haben, die Situation unter Kontrolle zu haben, sie weichen ganz gezielt und punktuell aus, vor allem nur so weit, wie sie unbedingt müssen, während die Hunde sich auf „tauben“ Fährten abarbeiten! Das Wild weiß ganz genau, dass das der bessere Teil der Tapferkeit ist! Dazu kommt noch nachlassende Konzentration durch Reiz- Überflutung bei den Hunden und, vor allem, bei den Schützen!

Dass alle Hunde „bunt“ zu sein haben, braucht man wohl nicht ausdrücklich zu erwähnen.

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Die Durchgeher 

Was ich zu den Hunden gesagt habe in Bezug auf Spur- und Fährtenlaut, gilt analog auch für die Durchgeher. Es muss nicht, auch nicht in deckungsreichem Gelände oder Dickungen, ein dauerndes „Hohoho“ und „Hussa, hussa“- Gejohle sein! Hier gilt das Gleiche wie bei den Hunden: Langsames Durchgehen, meinetwegen schleichen, ruhig gehen, ab und zu mal hüsteln, murmeln; das Wild hört einen, todsicher! Ganz wichtig ist es, ab und an für je zwei, drei Minuten absolut still stehen zu bleiben, dann wieder langsam weiter“hüsteln“. Man glaubt nicht, wie nervös das das Wild macht! Wir vergessen immer, dass Wild die Welt anders wahrnimmt als wir, vor allem, dass sie sie vorrangig mit anderen Sinnen wahrnehmen, nämlich im Gegensatz zu uns Augentieren in allererster Linie mit der Nase und dem Gehör. Bieten die kein eindeutiges Lagebild, sind sie verunsichert bis alarmiert. Sie entschließen sich dann viel eher zum Standortwechsel, genau das, was wir erreichen wollen! 

Stille Durchgeher erfordern natürlich absolute Schussdisziplin der Schützen! Aber keine Angst, es gab und gibt bei uns keinen Verlust an Sicherheit, ganz im Gegenteil! Denn unser ausdrückliches Ziel ist es ja, möglichst viel Wild möglichst vielen Schützen möglichst langsam auf möglichst kurze Distanzen sichtbar zu machen. Damit aber entfällt jeder Zwang zu diesen hastig hingeworfenen „Schnappschüssen“ auf vorbeifliegendes Wild,  d e r  Hauptgrund für Jagdunfälle und Verletzungen von Jägern und Hunden. Es wird kontrolliert und überlegt geschossen. Eine meiner effektivsten Durchgeherinnen, meine Schwester, hatte zusätzlich dazu eine wirklich gute Idee, die ich dann bei der nächsten Jagd sofort zur Nachahmung empfahl: Jeder Durchgeher hatte einen Treiberstock dabei, immer um 1,50 Meter lang. Sie band einen signalroten Stofffetzen ans Ende des Stocks, den sie dann im Gelände ab und an über den Bewuchs hochhielt. Bei Verlassen eines dichten Bestandes wurde das Ding vorher rausgestreckt und zusätzlich kurz Laut gegeben. Für die Schützen ist das eine schöne Sache: Sie können sehen, wo sich die Durchgeher gerade befinden, wo etwas passiert, kurz: Der Jäger hat Kontrolle über das Geschehen!  

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Die Absteller und Schützen 

Es erübrigt sich zu sagen, dass man auf besonnene Schützen achten sollte. Das heißt nicht, dass man nur alte Kämpen einsetzen soll, im Gegenteil. Besonnenheit ist ja auch keine Frage des Alters, höchstens, aber nicht nur der Erfahrung. Ich habe immer auch Jungjäger eingeladen, und nicht wenige kamen bei uns das erste Mal zu Schuss; sie hatten sich getraut, weil das Wild vertraut kam. So was hebt das Selbstwertgefühl und beflügelt die Passion. Die Absteller müssen sich allerbestens auskennen! Das erreicht man, wie bereits erläutert, am besten dadurch, dass sie in die Planung mit einbezogen werden, dass sie die Stände mit markieren. Und natürlich erleichtert es die Sache ungemein, wenn man auf möglichst viele Veteranen zurückgreifen kann, die das Revier und die Jagd aus den Vorjahren kennen.  

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Die Stände / die Standauswahl

Das A und O: Die Schützen werden über die gesamte Jagdfläche verteilt, sie stehen oder sitzen in den Beständen, nicht auf den bestens bekannten Kanzeln oder Hochsitzen, nicht nur auf den Wegen!

Grund: Rehe, Sauen, Füchse & Co. lassen sich nicht gezielt auf eine Schützenkette zutreiben! Ihr Ziel, ihre Richtung bestimmen allein sie, und sie tun das ausschließlich aus der jeweiligen und individuellen Situation und ihren persönlichen Erfahrungen heraus (Wind, ihr Einstand, das Geländeprofil, Erlerntes!, die Kombination von alle dem u. ä.). Mit anderen Worten: Das Fluchtverhalten, ihre Feindvermeidungsstrategien sind von uns nicht vorhersehbar! Selbst wenn sie unter unmittelbarem Druck zunächst in die gewünschte Richtung gehen – nach kurzer Zeit ändern sie die und steuern ihr ursprüngliches Ziel an. Vor allem, wenn Verbände oder Rotten gesprengt sind, also sich nicht mehr einheitlich an einem führenden Alttier, einer Ricke oder Bache orientieren, reagiert jedes Stück aus der Situation heraus und damit individuell völlig unvorhersehbar. Mit Ausnahme der wenigen nachfolgend angeführten angeborenen Automatismen wie die Vermeidung von Freiflächen, dem Drang ins Dunkle, die allein mit der nötigen Wahrscheinlichkeit erfolgversprechend sind und den Erfolg dann auch bringen: Selbst wenn wir es noch so krampfhaft verdrängen und nicht wahrhaben wollen – auch Wild hat eine Persönlichkeit und damit eine jeweils individuelle Strategie, Taktik. Deshalb ist es völlig unsinnig, bei einem Drücken nur die Ränder des „Treibens“ oder sogar nur entgegengesetzt zum „Treiben“ eine Reihe Schützen abzustellen. Wir erreichen damit nur, dass das Wild im „Treiben“ einfach rotiert, im Kreis geht, es meidet dabei tunlichst die längst georteten Schützenketten. Wird der Druck unmittelbar und massiv, bricht es eher entweder seitlich oder sogar nach hinten durch die „Treiberwehr“ durch, dann aber mit Schwung und im Tiefflug!

Die Stände selbst werden ausschließlich vom Verhalten des Wildes bestimmt. Keine anderen Kriterien gelten. Was nützt es, wenn ich an einem Stand rundum freie Sicht habe, nach Osten bis Kiew, nach Westen bis Paris? Das Ergebnis ist fast immer gähnende Langeweile. Denn das Wild weiß selbst am besten: Nie über freie Flächen gehen! Da sieht Dich jeder, Du fällst auf, und schlimmstenfalls knallt´s auch noch! Und darum geht es stiekum seine gewohnten, heimlichen Wege, mit so viel Deckung wie eben möglich und eben so früh wie möglich, was ja auch nur logisch ist. Und wenn es gar nicht anders kann als über freie Flächen, z. B. unmittelbar vor dem Hund oder buchstäblich herausgetreten, dann geschieht das immer überfallartig und im Tiefflug! Erst in der nächsten Deckung werden sie wieder langsam.

Alle Stände werden im Zuge der Vorbereitungen sorgfältig ausgezeichnet. Gefahrenbereiche, z. B. nicht sichtbare Wohnbebauung im Hintergrund oder benachbarte, etwas verdeckte Stände, werden mit signalroter Sprühfarbe (Ausrufezeichen an Bäumen u. ä.) deutlich sichtbar gekennzeichnet, allen Schützen werden Schüsse in so markierte Richtungen strikt untersagt.  

Auf den Punkt gebracht: Wenn wir Erfolg haben wollen, dürfen wir dem Wild ganz einfach keine Gelegenheit zur „kalkulierten Feindvermeidung“ geben! Das erreichen wir eben am besten damit, dass im ganzen Bestand Jäger stehen oder sitzen. Das Wild muss buchstäblich überall damit rechnen, auf einen Jäger zu stoßen, und es weiß das auch – überall Witterung, Geräusche, aber nicht genau zuzuordnen, verschwommen, aus allen Richtungen. Es versucht dann, die Störungsquellen einzeln zu orten und sich dann von einem georteten Gefahrenpunkt zum nächsten weiter zu „tasten“. Und tasten kann man eben nur langsam. 

Wild, vor allem Rehwild geht, wenn es gedrückt wird, immer aus dem Dunklen ins nächste Dunkle, und zwar möglichst auf dem kürzesten Weg. Entschließt es sich, seine Deckung zu verlassen oder will es sich zeitig wegstehlen, dann geschieht das immer in Richtung nächste Deckung. 

  • Der Schütze steht zwischen solchen Orten bzw. mit halbem oder unter Wind ca. 30 Meter seitlich davon.
  • Der Schütze steht da, wo einzelne Anflughorste, inselartiger Unterwuchs dem Wild vermeintliche Sicherheit vermitteln; es wird dort langsam. Solche Strukturen lösen auch die Konturen des Jägers auf, das Wild kommt langsam, es kommt, wie Bruno Hespeler das nennt, in „Orientierungsfluchten“: 20 bis 50 Meter im Troll, in zögernden Sprüngen, verhoffend, sichernd, sich Überblick verschaffend.
  • Der Schütze steht im Abstand von 30 Metern an Zwangswechseln, z. B. an den Ecken von Gatterungen, aber nur an solchen, an denen die nächste Dickung in Sichtweite ist. Auch das Wild kennt die und nutzt sie, weil es sich relativ sicher, gedeckt fühlt. 
  • Der Schütze steht im mehr oder weniger raumen Laubholz, in Verjüngungen, auch wenn er da keinen Panoramablick hat, sondern nur die eine oder andere Schussschneise nutzen kann. Er sieht und hört das Wild aber anwechseln – und schießt da, wo es eine gute Gelegenheit gibt, denn hier kommen sie langsam. 

Am Anfang habe ich versucht, sogar den Wind mit zu berücksichtigen. Vergessen Sie´s, man wird porös! Das Ganze wird dann einfach nicht mehr planbar. Abgesehen davon geht der Wind sowieso, geländebedingt, im Tal einen ganz anderen Weg als auf den Köpfen, er ist noch nicht einmal 6 Stunden, geschweige denn 6 Wochen im Voraus einzuschätzen. Steht der Plan, wird er durchgezogen, Wind hin, Wind her, und wie wir sehen werden, macht es im Ganzen gesehen wegen der Größe der Drücken und der gleichzeitigen Aktion von allen Seiten (s. w. u.) eh keinen Unterschied. Wichtig dagegen: Die Stände sollten, wo es eben geht, von oben besetzt werden! Wenn ich die Möglichkeit habe, einen oder zwei Höhenrücken im Revier zum Anmarsch der Schützen zu nutzen, habe ich eine gegenläufige Aktion zur bevorzugten Bewegung des Wildes, denn das ist zumindest teilweise schon durch das Abstellen der Durchgehgruppen unterwegs. 

Wesentlich erleichtert wird die Standauswahl, wenn man sich die Mühe macht, nach Neuen das Revier abzulaufen und die wichtigsten Wechsel in die Revierkarte aufzunehmen und bei der Standfestlegung zu berücksichtigen. Die verlaufen nämlich nach dem oben skizzierten Muster, von Deckung zu Deckung. Im Gegensatz zum völlig zufälligen Fluchtweg unter unmittelbarem Druck werden beim von uns ja beabsichtigten „Wegstehlen“ diese Wechsel meist gehalten.

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Die zeitliche Koordination – der Überfall 

Ein weiterer ganz wesentlicher, wenn nicht sogar der wichtigste Punkt ist die exakte zeitliche Abstimmung aller „Verbände“ und Aktionen. Die Durchgeh- und Anstellgruppen werden zeitgleich in ihre Ausgangspositionen gebracht (z. B. auf präparierten PKW- Anhängern), die Durchgeher als einzige in der gewohnten „klassischen“ Formation, nämlich in Reihe an den Grenzen des Drückens. Während die Durchgeher noch Position beziehen, werden die Ansteller mit ihren Gruppen, bei uns waren es immer drei, in Marsch gesetzt, und zwar gleichzeitig. Die Ansteller kannten jeden einzelnen Stand, der zu besetzen war, ganz einfach deswegen, weil sie beim Auszeichnen grundsätzlich mit dabei waren! Sie hatten strikte Order, im möglichst zügigen Marschtempo ihre Schützen an den jeweiligen Ständen zu „verlieren“. 

Jeder Schütze, der seinen Stand bezogen hat, hat Feuer frei. Und die ersten Schüsse fallen unmittelbar nach Beziehen der einzelnen Stände! Der Grund: Die ersten Stücke, vor allem Rehwild, beginnen schon beim Aufzug der Durchgehgruppen sich umzustellen, wegzustehlen; sie riechen Lunte. Wenn die bejagte Fläche aber groß genug ist, bleiben sie auf jeden Fall im „Treiben“ – und stoßen über kurz oder lang dann auf einen der angestellten Schützen. Das Beziehen der Stände tat dann ein Weiteres, vor allem unsere Order, dass alle sich normal bewegen beim Anmarsch, gar nicht erst versuchen zu schleichen (das kostet nur Zeit, und sie bemerken uns eh!), aber wenig reden.

Jeder Schütze hat aber nach Beziehen des Standes absolute Ruhe zu halten! Das Wild weiß, hier sind keine harmlosen Waldarbeiter oder Spaziergänger unterwegs, es ist „auf Alarm“. Seine Aufmerksamkeit ziehen aber die weiterrückenden Schützen auf sich, es verliert dabei die schon stehenden Jäger „vom Schirm“, es bewegt sich, sobald es vermeintlich wieder sicher ist, zur nächsten Deckung – und kommt dabei dem bereits ruhig stehenden Jäger vertraut und langsam, siehe oben. 

Im Klartext: Nur durch die andere zeitliche Koordinierung wurde das Abstellen, nach der alten Methode eine ärgerliche, aber unvermeidliche Störung zum Nachteil des Jägers und zur Warnung des Wildes, umfunktioniert in ein sehr effektives Instrument des Anrührens, des Hochmachens. Das in seiner Störfunktion immer völlig unterschätzte Beziehen der „Bereitschaftsstellungen“ wird aus dem, was es nicht sein soll, nämlich die Warnung des Wildes, zu dem, was es idealerweise ist, zu einem wertvollen Instrument der Jagdausübung. Wir unterstellen unserem Wild immer, dass es dämlich ist und in aller Naivität wartet, bis wir soweit sind, es totzuschießen! Die denken gar nicht daran! Die machen sich vom Acker, wenn sie so nett dazu aufgefordert werden, und weil es höfliche Wesen sind, lassen sie sich auch nicht lange bitten. 

Wir hatten mit meinem Konzept nach ca. 10 Minuten alle Stände besetzt, und in der ersten Viertelstunde fiel oft bereits die Hälfte der Gesamtstrecke! Danach tritt in der Regel erst mal eine gewisse Ruhe ein: Das Wild hat sich arrangiert mit der Situation, es steht in dieser Phase in Deckung, hat die meisten Störungen geortet und damit, wie ich immer sage, unter Kontrolle. In solchen Situationen ist beim Wild jetzt angesagt, erst mal „die Lage zu peilen“, zu „luffern“, wie wir hier im Sauerland sagen, und vor allem, unter allen Umständen passiv zu bleiben, zu beobachten, die weitere Entwicklung abzuwarten. 

Erst jetzt und genau jetzt gehen die Durchgehgruppen los und durchkreuzen diese Taktik, sie bringen wieder Bewegung ins Geschehen. Das Wild hat ja seine vertrauten Einstände schon verlassen, und dann drückt es sich nur noch sehr ungern; auch wir fühlen uns unsicher auf fremdem, unbekanntem Terrain. Es merkt jetzt, dass die Situation noch einmal brenzlig wird – Hunde, Bewegung im Wald, alles ist unheimlich, bedrohlich. Es reagiert, s. o., jetzt ganz typisch und wie von uns beabsichtigt: Mit kurzen Bewegungsfluchten im Troll, in kurzen Sprüngen, zwar beunruhigt, aber nicht in Panik, Bewegungsrichtung immer „vom Dunklen ins nächste Dunkle“, auch gegen die Richtung der Durchgeher! Überall wispert der Wald, eine latente, aber nicht genau zu bestimmende Unruhe herrscht, es riecht überall nach Jäger, nach Hund. Deswegen werden immer wieder kurze Stopps eingelegt, zur Orientierung, um neue Witterungen, Geräusche zuzuordnen, Übersicht zu bekommen. Sie stehen dann für 10, 20 Sekunden wie angeschmiedet, denn selbst das klügste Reh, die intelligenteste Sau, der geriebenste Fuchs ist nicht in der Lage, alle Gefahrenquellen gleichzeitig auf dem Schirm zu behalten, selbst wenn sie etliche davon schon geortet haben. Genau das sind die Sekunden, die wir für einen sauberen Schuss brauchen. 

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Dauer des Drückens

Wir haben uns Zeit genommen. Alle Durchgeher hatten Anweisung, langsam zu agieren, die Hunde, möglichst keine Fernaufklärer, arbeiteten gründlich, niemand hat sich überanstrengt, obwohl es schon ziemlich „steile Köppe“ gibt im Sauerland. Weil wir aber durch die straffe Detailplanung am Anfang so gut wie keine Zeit verloren hatten, waren wir immer nach spätestens 1 ½ Stunden mit dem Drücken fertig. Insgesamt haben wir uns auf zwei Drücken beschränkt. Ich halte gar nichts von dieser Marathon- Lauferei und sechs „Treiben“ an einem Tag, vor allem von dieser Anstellerei wie bei der Karnickeljagd: Dickung von 2, 3 Hektar umstellen, alle Schützen natürlich auf die Wege, weil´s viel bequemer ist, Hunde und Treiber rein– und sich dann wundern, wenn man nix sieht. Abgesehen davon, dass 99 % des Wildes sich schon beim Anhatschen der ersten Dickung verabschiedet hat bis zum nächsten Tag, ist Chaos die Folge und Frust programmiert, denn auch in den Nachbardickungen ist der Exodus längst im vollen Gange. Zwei Drücken, in der nötigen Größe, gut geplant und durchgeführt, erfüllen völlig ihren Zweck.

Zwischen beiden Drücken gab´s ausgiebig Pause, mit gutem Essen und Trinken. Das ist natürlich aufwändig und keine Pflicht! Jeder so, wie er´s mag! Aber das hebt die Laune, und Freude an und bei der Jagd ist einfach etwas Schönes! Mit „ausgiebig Pause“ meine ich mindestens 1 ½ Stunden. Wild wurde versorgt, Entspannung war angesagt. Reichlich Sprudel sollte da sein. Bier wird nicht viel gebraucht, höchstens eine Flasche pro Mann, mehr wird auf den Abend verschoben, und das allermeiste davon trinken eh die verschwitzten „Treiber“. Beim Essen aber sollte man nicht sparen, und der Renner ist immer noch der gute deutsche Erbseneintopf mit ordentlich Einlage nach Großmutters Art, also geräuchertes Bauchfleisch und Mettwurst. Für die ganz wenigen, die Erbsensuppe nicht mochten, kam Chili con carne oder ähnliches dazu. Wegen zu erwartender mangelnder Nachfrage haben wir aber von Anfang an darauf verzichtet, auch vegane Kost anzubieten. Von mir erst für völlig überflüssig gehalten, aber von meiner Frau durchgesetzt und begeistert angenommen war etwas Süßes. Vor allem, aber bei weitem nicht nur die älteren Damen und Herren machten sich nach dem Eintopf begeistert über ein Stück Kuchen und einen großen Kump Kaffee her.

Absolutes Muss ist natürlich ein ordentliches Feuer nebst genügend Sitzgelegenheiten; diese Klappbänke vom Getränkevertrieb sind schon toll, aber ein paar Gerüstbretter auf alte Stuken gelegt tun´s auch. Unser Feuerplatz lag mitten im ersten Drücken (natürlich!), nicht selten wurde unmittelbar daneben Beute gemacht, und es lagen nach dem ersten Drücken immer zwischen 6 und 10 Stücke. Ich will damit sagen, dass selbst das unvermeidbare Gedeh am Feuer (die „Feuerleute“ sind zeitgleich mit allen anderen Akteuren gestartet und haben sofort mit ihrer Arbeit angefangen) keinen negativen Einfluss auf den Jagderfolg hatte. 

Nach Abschluss des zweiten Drückens, nach Streckelegen und zünftigem Verblasen ging´s dann bei Dunkelwerden ab Richtung Gaststätte zum ausgiebigen Schüsseltreiben. Für die  Jäger von auswärts gab´s Übernachtungsmöglichkeiten, wo nicht, wurde ein Taxi- Dienst eingerichtet.  

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Fazit:

Es war immer ein herrlicher Jagdtag, meistens hatten wir sogar mit dem Wetter Glück. Ich habe immer am ersten Samstag im Dezember gejagt, also möglichst spät im Jahr, für den Fall, dass mal eine führende Ricke vor dem Kitz zur Strecke kam. Außerdem war das meiste Blattwerk runter und der Unterwuchs so lückig, dass man deutlich bessere Sicht hatte als noch vier Wochen zuvor. Nicht ein einziges Mal war danach mein Abschussplan nicht erfüllt, nicht ein einziges Mal in den Jahren wurde auch nur eine Nachsuche fällig. Ich weiß, das kann man nie ganz ausschließen, es passiert einfach mal. Aber wie gesagt, bei uns kam das kleine Quentchen Glück zum Tragen, ohne das man manchmal einfach nicht auskommt.

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Kirchveischede, 20. Dezember 2009

 

Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

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1) Das erhoffte (und wahrscheinliche) Ergebnis: Wir schießen viel mehr Rehe, nach einigen Jahren dann vielleicht wieder ein paar weniger, aber immer noch mehr als am Anfang, der Luchs wird satt, eventuell der Wolf auch noch, der Verbiss wird nicht verschwinden, weil die Viecher es einfach zu gern tun, aber die Förster können endlich ihren grünen Minister- Fuzzies den Stinkefinger zeigen, das geschossene Wild in Gesamt- Kilogramm gemessen wird auch nicht weniger werden, wir (Jäger, Förster, Bürger, Wild + Wald) leben miteinander in Harmonie. Die Welt ist schön.

 

2) Beim Schwarzwild z. B. hat´s den noch nie gegeben, und niemand hat das bisher vermisst, aber das nur nebenbei. Meiner Meinung nach gäbe es für unsere Rehwildbejagung eine viel besser handhabbare Regelung: Es wird ein Mindestabschuss festgesetzt, und dem Revierinhaber steht es frei, nach seinem persönlichen Dafürhalten mehr Rehwild zu schießen, und zwar solange er noch regelmäßig Schmalrehe unter 15 kg aufgebrochen schießt. Nur muss er das auch tun! Ja, ich weiß. Aber ich hab´ sie nicht vergessen, die Jährlingsböcke! Es ist nur so: Das mit den Böcken unter 15 Kg regelt sich von selbst, wenn wir genügend Weiber schießen. Umgekehrt dagegen funktioniert´s nicht!

 

 

 

 

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