Statistik und Vergleiche

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Statistik und Vergleiche

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Wie man die Verbraucher möglichst unauffällig hinten herumhebt

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Wieder ein Beitrag, der eigentlich nichts mit Jagd zu tun hat. Aber nur vordergründig nicht. Denn im Grunde hat er sehr wohl mit ihr zu tun, wie auch mit allem anderen sonst. Es geht um das sanfte, unauffällige Hintenherumheben des vertrauensvollen Lesers und Konsumenten. Das betrifft alle Lebensbereiche, vor allem aber den äußerst lukrativen Sektor „Umwelt“ im weitesten Sinn. Und da haben wir Jäger natürlich unmittelbaren Kontakt, ich erinnere nur an die unselige Bleifrei- Debatte, bei der die Gesetze der Chemie und Physik schlicht ausgeblendet wurden. Was bekanntermaßen niemandem der politischen Entscheider so richtig auffiel. Oder, wahrscheinlicher, niemandem auffallen wollte.

Es ist ein beliebtes Spiel, den dummen August da draußen mit Zahlen zu erschlagen. Vor allem, wenn man sicher sein kann, dass die beeindruckenden Zahlen und Begriffe nur beeindrucken, auf keinen Fall aber das tun, was sie eigentlich sollten, nämlich Information zu vermitteln. Das fängt an mit der nur auszugsweisen Darstellung von Grafiken, bei denen man den missliebigen Teil einfach ausblendet, geht weiter mit der bewussten Verzerrung von Grafiken, indem man willkürlich entweder die x- oder die y- Achse auf dem Graph verzerrt bzw. verkürzt oder verlängert etc. etc. Was gibt´s da alles für Tricks und Spielchen, wenn man nur will und, Voraussetzung, charakterlich geschmeidig genug ist.

Bei Zahlen und Maßen bzw. Maßeinheiten geht das Spielchen weiter. Es gibt so beeindruckende Begriffe wie Femtosekunde, Terabyte, Mikro- und Nanogramm. Jeder kennt die Begriffe – und kaum jemand weiß, was sie eigentlich genau bedeuten.

Genau das nutzen unsere bekannten Panikorchestermeister weidlich aus. Sie operieren dabei vor allem mit den Gewichtseinheiten, da zuallererst mit den kleinen. Genau gesagt, mit den ganz kleinen. Schon das Milligramm nämlich wird konsequent links liegen gelassen, aus dem einfachen Grund, weil so gut wie alle Verbraucher hier noch eine Vorstellung haben, wie klein das Milligramm ist. Sie haben auch den direkten Vergleich mit dem Millimeter, der Millisekunde, daher weiß der Normalbürger noch, dass das ein Tausendstel von irgendwas ist. Ein Tausendstel ist klein, vor allem vorstellbar klein, überprüfbar, es taugt daher nicht zur Panikmache.

Schlimmer wird es schon bei der Vorsilbe „Mikro“. Das klingt geheimnisvoll, wie Mikroskop, und es gibt im täglichen Leben nichts, woran man das messen könnte. Also klingt es gewaltig. Noch abenteuerlich wird das natürlich bei „Nano“. Nanopartikel, das kennt jeder, und Nanopartikel sind etwas gaaaanz Gefährliches. Jedenfalls steht das dauernd so in den Zeitungen, die Tagesschauen bringen das auch, gebetsmühlenhaft. Also Vorsicht, denkt sich der Bürger: Mikrogramm, Nanogramm – das hat zwar irgendwas mit Gewichten zu tun, muss aber daneben auch ein Maß für Giftigkeit sein. Oder so.

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Schau´n mer mal …

Schauen wir uns mal die beiden gängigsten an, nämlich das Mikro- und das Nanogramm. Da erfahren wir:

Ein Mikrogramm ist ein Millionstel vom Gramm (1 x 10 -6 Gramm) bzw. ein Milliardstel vom Kilogramm (1 x 10 -9 Kilogramm).

Ein Nanogramm ist  ein Milliardstel vom Gramm (1 x 10 -9 Gramm) bzw. ein Billionstel vom Kilogramm (1 x 10 -12 Kilogramm)

Das klingt sowieso schon irgendwie bedrohlich, Millionen, Milliarden; das kann nichts Gutes sein.

Wenn dann, wie heute, die Westfälische Rundschau 1) bei uns zunächst folgsam und auftragsgemäß auf der Titelseite Glyphosat- Panik verbreitet, ist der Leser eh schon auf Alarm: Gutta cavat lapidem non vi, sed saepe cadendo. Zwar wird ganz am Ende noch beiläufig erwähnt, dass die WHO das Zeug als nicht krebserregend eingestuft hat, aber das beeinflusst den ausgelösten Alarm- Modus nur noch maximal temporär. Denn um der empörungsmäßigen Erschlaffung vorzubeugen (es liegt der Sportteil dazwischen, da wird die Stoßrichtung der Empörung schon mal abgelenkt), erfolgt – im regionalen Teil – der auffrischende, wohlüberlegte, finale Todesstoß im Mikrokosmos, betitelt:

Glyphosat bereits im Urin von Kindern messbar.

Bereits. Im Urin. Von Kindern. Das geht nicht. Gar nicht! Eine Studie des LANUV nämlich (untersteht ganz zufällig dem grünen Minister Remmel, der wiederum ganz zufällig bei NABU und BUND permanent auf dem Schoß sitzt) hat ergeben, dass bei 250 getesteten Kindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren bei 63 % der Kinder Glyphosat im Urin nachgewiesen werden konnte!

Bei unseren Kindern!! Im Alter von drei bis sechs Jahren noch dazu. Jeder weiß, sie sind in diesem Alter ganz besonders süß und knubbelig (das ist noch vor der darauf folgenden ca. 15- jährigen Fast- nur- noch- nervend- Phase, wie praktizierende Eltern und Großeltern wissen). Und es ist natürlich reiner Zufall, dass Erwachsene nicht untersucht bzw. nicht erwähnt werden. Da könnte der Leser ja sagen: „Was gehen mich denn diese Idioten an? Ich hab´ meine eigenen Sorgen. Sollen die selbst zusehen, wie sie klar kommen! Mir geht´s gut, was kümmert mich dieses Sch…- Glyphodingsda- Zeug?“

Aber bei Kindern, das ist was anderes. Ein Eisesschauer läuft über den Rücken, dann bricht die gerechte Empörung durch: „Ja machen die denn vor nichts mehr Halt, diese Schweinebauern und ihre Verbündeten von der Chemie- Industrie?“ Dann wird der bekannte Spendenaufruf im Internet aufgerufen und erstmal spontan 5,00 € gespendet für den Kampf gegen Glyphodingsda (per paypal, das ist gut für Spontan- Aktionen und vor allem für den Spendensammler, denn wer holt schon 5,00 € wieder zurück, wenn er später drauf kommt, dass die Spende eigentlich eine Sch…- Idee war). Schließlich muss man was tun für die kollektive Gesundheit, gegen Ausbeutung, gegen den Ausverkauf dieser Welt aus schnöder Gewinnsucht. Das geht nicht. Und die Bauern, diese Großgrundbesitzer, sollen gefälligst nicht jammern, so schlecht kann es ihnen nicht gehen. Die Welt ist so schlecht …..

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Die Welt ist schlecht. Besonders am Äquator …….

Wenn man die Empörung allerdings mal ein wenig an die Seite schiebt, hinter die Kulissen leuchtet, den Verstand einschaltet, mal nachrechnet, ein wenig recherchiert, dann kommt man schnell darauf: Es ist noch längst nicht heraus, wer hier der Drecksack ist. Die Bauern jedenfalls, die sind´s ganz offensichtlich nicht, bei Milchpreisen von 40 Cent pro Liter beim Aldi, bei Erzeugungskosten beim Bauern von ca. 40 Cent pro Liter und abgepressten Verkaufspreisen an die Molkereien von nicht mal 30 Cent, wenn für manche Bürger das Schweineschnitzel zu maximal 99 Cent gefühlsmäßig grundgesetzlich garantiert ist.

Fakt ist: Glyphosat ist schon seit vielen, vielen Jahren in Verwendung, sehr wirksam, völlig unauffällig, niemand ist bisher daran erkrankt, geschweige denn gestorben. Es ist wesentlich mit einer der Gründe, warum die Milch, das Schnitzel so Aldi- mäßig billig angeboten werden können und damit, ein Segen für Frau Nahles, der Hartz- IV- Satz so niedrig gehalten werden kann. Es ist in der Welt und damit im Nahrungskreislauf, damit bei jedem auch im Urin. Genauso wie Uran (ja, richtig, kein Verschreiber -a- statt -i-, nein, dieses radioaktive Zeugs!), Quecksilber, Blei (Blei ganz besonders hoch dosiert bei Vegetariern und Veganern übrigens!), Eisen, Selen, Kohlenwasserstoff- Verbindungen, Sulfate usw. usw. Kurz: Was immer Sie sich vorstellen können – sie haben es schon intus. Das ist so, weil all dieses Zeug in mehr oder weniger winzigen Spuren einfach überall da ist. Also auch in uns. So weit ist das Ganze also völlig normal. Was ist also das Besondere an diesem Glyphosat?

Ganz einfach: Es teilt nur das Schicksal vieler Leidensgenossen vor ihm, als da waren das Ozon (-Loch), das Waldsterben, der Rinderwahn und wie sie alle hießen: Es taugt potentiell zu höchst einträglichem Alarm. Und irgendwann war eben die Reihe an ihm im Lostopf der potentiellen Folterinstrumente: „Du musst es ohne Murren und Knurren sein …“ Niemand weiß jemals, wie es kommt, scheinbar aus heiterem Himmel, aber immer bestens konzertiert. Wie seit vielen Jahren gewohnt, springen unsere Politiker erst überrascht, dann eilig- willig auf den Zug – wer will schon einen Stehplatz haben bei dem, was absehbar kommt? Im Lande, EU- weit befassen sich ganze Parlamente, Tausende von hoch bezahlten Politikern tage- und wochenlang mit Glyphosat. Nicht weil das Zeug schädlich ist, darum geht´s gar nicht. Weil die Alarm- Industrie das so will.

Aber egal – nachdem das geklärt ist, schauen wir uns jetzt mal die Zahlen und, weit interessanter noch, die Relationen an. Ich hatte es oben schon erwähnt: Otto Normalverbraucher hat keine Vorstellung von Nano- oder Mikro, einfach, weil diese Größenordnungen für ihn nicht fassbar, vergleichbar sind. Machen wir uns daher den Spaß und vergleichen wir das Ganze mal mit einem Maßstab, der für jeden nachvollziehbar ist, nehmen wir den Erdumfang am Äquator. Das haben wir ganz früh in der Schule gelernt: 40.000 Kilometer. Und weil jeder weiß, was ein Kilometer ist, kann er sich vorstellen: Ganz schön lang, dieser Äquator!

Vor diesem Hintergrund untersuchen wir jetzt mal die Sensationsmeldung aus der Westfälischen Rundschau (WAZ- Gruppe) genauer:

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Die Fakten und der Äquator

Nachgewiesen wurden, wie gesagt, nach Angaben der Rundschau bei 63 % der untersuchten Kinder Konzentrationen oberhalb von 0,1 Mikrogramm pro Liter Urin, der Spitzenwert lag bei 0,97 Mikrogramm. Ein Liter Wasser, also auch Urin hat, das wissen wir alle, sehr genau das Gewicht von einem Kilogramm. Habe ich also 0,1 Mikrogramm Glyphosat in einem Liter Urin, spreche ich von einem Zehntel eines Milliardstel Kilogramms eines Stoffs in einem Kilogramm eines anderen Stoffs.

Setze ich das ins Verhältnis zum Äquator- Umfang unseres schönen blauen Planeten, rede ich von sage und schreibe 4 Millimetern, bei 0,97 Mikrogramm ergeben sich knapp 40 Millimeter. Wenn Sie jetzt also rausgeschickt würden mit dem Auftrag, ganz bestimmte vier Millimeter am Äquator zu suchen, dann suchen Sie mal schön. Aber nehmen Sie genug Sohlen für Ihre Schuhe mit.

Die Sache ist die: Wenn Papa als Nichtraucher für sagen wir zwei Stunden in Kontakt mit Rauchern kommt (z. B. Besuch bei Onkel Heini, der´s immer noch nicht lassen kann), dann nach Hause geht und seine Jacke an der Garderobe aufhängt, dann lässt sich nach 24 Stunden im Urin seiner Kinder, und nicht nur da, deutlich mehr Nikotin als natürlich vorhandenes Uran nachweisen. Allein wegen Papas müffelnder Jacke. Es gibt keine andere Lösung des Problems: Papa wird ab sofort jeden Kontakt zu Onkel Heini abbrechen. Schade eigentlich, so ein netter, uralter, alleinstehender, sehr vermögender Erbonkel ….

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Von der Erde zum Mond 

Noch abenteuerlicher wird das ganze Getöse, wenn wir uns, wie bei vielen anderen Schadstoffangaben, im Nanogramm- Bereich bewegen. Da wird der Vergleich mit dem Äquator- Umfang ein wenig diffus; wir kommen ganz schnell in den Bereich von mehreren Nullen rechts vom Komma, das übersteigt oft das intuitiv Fassbare. Wechseln wir also in den Vergleich mit der Entfernung Erde – Mond (384.400 km). Machen wir es kurz:

Das Verhältnis von einem Kilogramm zu einem Nanogramm ist dasselbe wie die Entfernung Erde- Mond zu 0,3844 Millimeter.

Da kommt Ehrfurcht auf. Und unmittelbar darauf Entspannung, der pure Hedonismus bricht sich Bahn: Wo sind die glyphosat- verseuchten Kartoffelpuffer, die so verdammt gut schmecken, und das passende Glypho- Bier dazu? Wo der mit Bleischrot geschossene Hase?

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Was man lernen kann ……

Es geht gar nicht mehr um schädlich oder nicht, schon lange nicht mehr. Die Kunst ist zunächst mal das Finden, und da werden die Experten immer effektiver, was jeder nachvollziehen kann, bei 0,3844 Millimetern auf dem Weg zum Mond!

Die Krone der Kunst ist es aber, das Ganze dann zu einem lukrativen Geschäft zu machen, das da heißt:

Mit Mikro- und Nanogramm so viel Lärm machen wie eben möglich und gleichzeitig als Monopolist Ohrenschützer verkaufen …. 

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Kirchveischede, 20. Mai 2016

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Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

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1) „Es gibt ein Gentleman´s Agreement unserer Medien, dass im Dienste einer guten Sache die Wahrheit nicht so wichtig ist. 

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Dieses Reklamieren einer „License to lie“ im Dienste eines subjektiven oder objektiven guten Zwecks kennt keine Parteigrenzen; es wird von Linken wie Rechten, Progressiven wie Konservativen gleichermaßen praktiziert. Allenfalls nimmt es mit der Gewissheit zu, mit der sich der Datenkosmetiker im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt. Wer sicher weiß, dass die Welt in zwanzig Jahren untergeht, wenn nicht dieses oder jenes geschieht, fühlt sich durch Konventionen wie Faktentreue und Sachlichkeit in seinem Rettungswerk oft sehr gehemmt.

 

„Je dramatischer wir die Sache sehen, desto besser für die Menschheit“, führte etwa ein amerikanischer Klimaforscher als Entschuldigung für reichlich gewagte Trend- Extrapolationen unseres Wetters an. Als Wissenschaftler müsse man „manchmal auch ein bisschen Panik verursachen, damit man gehört wird“, stößt ein Ozon- Experte in das gleiche Horn.“

 

Prof. Dr. Walter Krämer, Statistiker, Uni Dortmund, in „So lügt man mit Statistik“, Piper- Verlag, 2011, S. 12 / 13

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Ein Kommentar zu Statistik und Vergleiche

  1. Lars sagt:

    Hallo Manfred,

    ich möchte deinen Ausführungen bedingt widersprechen. Und zwar aus folgender Überlegung heraus: Zum einen hast du natürlich recht, wenn du sagst dass die nachgewiesenen Mengen marginal sind. Denn wie bei allen Giften, macht die Dosis die Wirkung, siehe Nitro und Co. Jedoch gibt es zwei Punkte die man in der aktuellen Diskussion nicht beachtet:

    1.: Das Risiko von Glyphosat wird isoliert betrachtet. Zwar gibt es Studien in Zusammenhang mit Alkohol, Nikotin und anderen Lifestylegiften (Die das BfR übrigens aussortiert hat) jedoch gibt es keine Untersuchungen zusammen mit anderen Risikostoffen. Man blendet Wechselwirkungen schlicht aus.

    2. Bienen und andere Insekten reagieren auf Glyphosat. Sie werden orientierungslos. Der Leiter des staatlichen Bieneninstitus in Mayen, Dr. Alfred Schulz – dir ist übrigens auch Jäger, kennt Studien und Untersuchungen die wenig zweifeln lassen.

    Alleine das führt bei mir zum Wunsch das Zeug sofort verbieten zu lassen. Zu meinen Hintergrund: Beruflich habe ich mit Produktsicherheit und Arbeitssichereit zu tun, bin also mit Risikobeurteilungen (Hersteller) und Gefährdungsbeurteilungen (Betreiber) bestens vertraut. Und inzwischen auch Berufspessimist.

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