Überhege

Ein Revier in Brandenburg

oder

Wie ein Traumrevier durch „Überhege“ wahrscheinlich ruiniert wird

Im April 2013 beschloss ich, nach neun urlaubslosen Jahren das erste Mal wieder länger auszuspannen. Ziel waren 14 Tage, und ein Jagdurlaub in Meck-Pomm, Brandenburg oder Thüringen lag wegen der alten Freundschaften und Kontakte dorthin auf der Hand. Gleichzeitig war erklärtes Ziel, für eine neue Veröffentlichung und meine Jagdseite für das Thema „moderne Revier- und Wildbewirtschaftung“ Material und Daten zu sammeln.

Ich rief also Stefan Fügner an, wir kennen uns seit gut einem Jahr über das Internet; Stefan hat hier einen lesenswerten Blog (www.jagdblog.blotspot.de) eingerichtet. Wir funkten scheinbar auf der gleichen Wellenlänge, und ich war neugierig. Er rief zurück und lud mich ein. Am 30. April, ein Mittwoch, rückte ich an. Wir trafen uns im Rosencafé der Familie Herbst, wo ich auf Anraten von Stefan eine kleine Ferienwohnung anmietete. (Nur ganz am Rande: Eine meiner besten Entscheidungen, sowohl was das opulente mitgebuchte Frühstück anging als auch, was die Unterkunft, den Service und das Preis- Leistungs- Verhältnis anging.) Nach nachmittäglicher Besprechung ging es zunächst ins Revier, bewaffnet mit der guten Canon.

Reviergang

Das Revier selbst, Gesamtgröße gut 900 ha; kann man kurz als „zwei-in-einem“ beschreiben: Die Hälfte ist Oderbruch- Schwemmland, eben das Oderbruch, das der „Alte Fritz“ selig hat urbar machen lassen und als seine „größte Eroberung, ohne das Blut eines einzigen Soldaten“ bezeichnete. Die andere Hälfte erstreckt sich über die End- und Grundmoräne der letzten Eiszeit und hat fast Mittelgebirgscharakter. Ich hatte einiges erwartet, war aber überrascht über den reichlichen Anblick an Wild. Die abendliche Rundfahrt mussten wir wegen der beginnenden Dunkelheit abbrechen, verabredeten uns aber für den kommenden Morgen zum Frühstück (das obgemelte üppige!) und zu einem entspannten Reviergang.

Der fand dann am 1. Mai statt, nach dem Frühstück, bei herrlichem Wetter. Wir begannen mit dem Oderbruch, und ich hatte genug Speicherplatz auf meiner Kamera- Smartcard. Es gab reichlich Rehwild zu sehen, dazu noch relativ vertraut und tagaktiv. Stefan erklärte das damit, dass a) die Bruchwiesen bereits nach zwei bis drei Tage Regen zu Fuß nur noch mit Mühe begehbar seien, b) so gut wie alle Wege an irgendeinem Kanal blind endeten und somit für Spaziergänger uninteressant seien und c) er die Jagdausübung streng als Intervall- Jagd ausgerichtet habe; Rehwild wird lediglich im Mai und August bejagt, dann aber intensiv, Schwarzwild auch nur zu ausgewählten und geeigneten konzentrierten Ansitzen und „Drückerchen“, wie er die kleinen, begrenzten Drückjagden nennt.

Was mir auffiel, war die bei allen Böcken geringe Gehörnausstattung: Obwohl die meisten Stücke noch einen recht ordentlichen Eindruck machten im Hinblick auf Gebäude und Konstitution, gab es aber auch bereits die typischen 10- bis 12 kg- Stücke. Die Gehörne der älteren Böcke waren meist zwar mehr als lauscherhoch, aber durchweg dünnstangig. Stefans Erklärung: „Wir könnten und sollten deutlich mehr schießen, aber bei der hiesigen Jägerschaft gibt es da gewisse Widerstände!“ Wir kannten uns da noch nicht gut genug, er war zurückhaltend in seiner Wortwahl.

Für mich steht eines fest: Wenn ich in einem Revier zeitweilig mehr als 20 Stücke Rehwild auf übersehbaren Teilflächen von jeweils ca. 20 bis 30 ha in Anblick habe, dann kann man das auf Grund des einheitlichen Habitat- Charakters zunächst getrost auf das Gesamtrevier hochrechnen, dazu kann man nach aller Erfahrung beruhigt davon ausgehen, dass mindestens das drei- bis vierfache an Wild da ist. Wenn ich dann im Gesamtrevier von ca. 500 ha zunächst sagen wir 50, ja 100 Stücke schieße, würde das optisch gar nicht auffallen, aber deutlich mehr Ruhe und Lebensqualität in den Rehwildbestand und ins Revier bringen. Wohlgemerkt: Ich rede hier nicht von Nahrungskonkurrenz, denn im Gegensatz zum reinen Waldrevier würde die Biotopkapazität, sprich das Äsungsangebot in Brüchern bzw. zumindest in diesem Revier noch einmal ein Mehrfaches an Rehen zulassen. Nein, der begrenzende Faktor in solchen Revieren ist vielmehr hoher sozialer Stress, Seuchenzüge und übermäßiger Parasitenbefall, bedingt durch zu hohe Bestandsdichte. Es entsteht so etwas, was wir „Lagerkoller“ nennen. Die Älteren von uns kennen noch die Zustände nach dem letzten Krieg, als Flüchtlinge bei Familien zwangseingewiesen wurden, mit allen Aggressionen und auch körperlichen, psychosomatischen Folgen, die daraus entstehen konnten und können. Beim Wild ist das nicht anders.

Genau das soll vermieden werden durch die Jagd. Und genau das ist der meist achselzuckend übergangene Skandal bei der oft genug zu beobachtenden „Hegementalität“ in Deutschland. Denn als der begrenzende Faktor ist in Deutschland allein die Jagd vorgesehen und per Gesetz festgeschrieben, nichts anderes. An keiner Stelle der Jagdgesetze ist zu lesen, dass Wildbestände durch Parasitosen, Wildkrankheiten oder den Straßentod reguliert werden sollen. Bei solidem jagdlichem Können des Revierinhabers, bei gutem Willen, Einsatz und Flexibilität im Denken sollte das auch kein Problem darstellen. Und es würde der Seriosität, der Glaubwürdigkeit dienen – denn genau mit dieser und keiner anderen Begründung, nämlich dass regulierender, bestandsbegrenzender und damit die Wildbestände gesund erhaltender Begrenzungsfaktor wir Jäger sind, so und nicht anders verkaufen wir der oftmals kritisch hinterfragenden Öffentlichkeit seit vielen, vielen Jahren unsere Daseinsberechtigung als Jagdmenschen.

Nur für den Fall, dass mich jemand hier nicht versteht oder verstehen will, noch einmal ausführlich: Wir erklären der fragenden Mehrheit seit vielen Jahren stereotyp und vollmundig, dass „wir Jäger die verschwundenen Großräuber als regulierende Faktoren ersetzen müssen.“ Das klingt logisch, das klingt gut, und es sagt nichts anderes als das, was ich oben ausgeführt habe – wir sind nach dieser Definition der bestandsbegrenzende Faktor, zumindest auf dem Papier. Nur – oft genug stimmt es schlicht und einfach nicht. Und das hat, spinnt man diesen Faden logisch weiter, eigentlich unliebsame Konsequenzen.

Überflüssig per definitionem?

Genau da nämlich, wo die oben beschriebene übertriebene Hegementalität die Herrschaft hat, genau da ist nach der modernen, wissenschaftlich unterstützten Auffassung von Jagd die Jägerei eigentlich überflüssig, denn der weitaus größte Teil der Bestände geht dort sowieso auf natürlichem Weg ab – Tod durch Krankheiten, Parasiten, Verkehr, s. o. Kompensatorische Sterblichkeit nennt sich das. Die paar Rehe, die tatsächlich geschossen werden, fallen als Regulierungsgröße nicht ins Gewicht; sie sind eigentlich nur willkommener Anlass zum kräftigen Tottrinken. Wobei dann meist nach Kräften gebarmt wird, dass die Viecher von Jahr zu Jahr mickeriger werden. Und natürlich stehen Landwirtschaft, Verschmutzung der Umwelt, Tourismus, freilaufende Hunde, die vielen Spaziergänger und Fahrradfahrer, kurz die üblichen Verdächtigen von vornherein als Ursache fest. Die eigenen Jagdmethoden, die eigene Art und Weise zu jagen auf den Prüfstand zu stellen käme diesen Überjägern aber auf keinen Fall in den Sinn.

Gnade Gott der Jagd, wenn eine jagdfeindliche und gleichzeitig medial einflussreiche Gruppierung – oder mehrere davon – diese Missstände in etlichen Revieren Deutschlands einmal im großen Maßstab dokumentiert und publik macht. Dann kommt die Jagd, zumindest in unserer heutigen, insgesamt erhaltenswerten Form, in toto in Gefahr. Wegen einiger Ewiggestriger, die alle anderen ungerührt in Mithaftung nehmen, die meinen, wir lebten in einem abgeschotteten Kosmos für uns allein dahin, ohne auf Resultate der Wildtierforschung, der Jagdwissenschaften, auf die Öffentlichkeit Rücksicht nehmen zu müssen. Das Gegenteil, meine Damen und Herren, ist der Fall – wir 350.000 Jäger in Deutschland stellen gerade mal 0,43 % der Bevölkerung in Deutschland. Da sollten wir wenigstens in puncto soliden Fachwissens und gewissenhafter, gesetzeskonformer Jagdausübung bella figura machen!

Verbiss – ein unnatürliches Phänomen?

Nota bene: Ich rede hier nicht der Totschieß- Mentalität vieler „moderner“ Forstwissenschaftler und amtierender Förster das Wort, von denen einige einen geradezu weltanschaulich geprägten Vernichtungsfeldzug führen, frei nach dem Motto, dass nur totes Reh- und Rotwild auch gutes Reh- und Rotwild sei. Dazu habe ich einiges gesagt in „Jagd und Forstwirtschaft – Verbiss ist nicht Verbiss“. Aufhänger für diese Raserei ist fast immer eine schnell zur Katastrophe hochstilisierte Verbissbelastung, die – natürlich – unnatürlich sei. Ein einziger verbissener Leittrieb in der liebevoll „gehegten“ Edellaubholz- Kultur ist dann in der Lage, einen spontanen Rachefeldzug gegen die Verursacher dieses Sakrilegs hervorzurufen. Eigene Fehler? Förster machen keine Fehler! Basta!

Nur – Verbiss, und das wird dabei geradezu verbiestert unterschlagen, ist ein völlig natürliches biologisches Phänomen und liegt unserem Wild einfach auf den Chromosomen. Aber, auch das muss man akzeptieren, Verbiss wird da zum Ärgernis und für den Forstwirt teuer, wo er das wirtschaftlich tragbare Maß, wo er die Grenze zwischen natürlichem Verhaltensrepertoire unseres Wildes zum Übermaß hin überschreitet.

Beleuchtet man das Ganze vor diesem Hintergrund dann ein wenig näher, sieht man erstaunliche Schnittmengen zwischen der Forst- und Landwirtschaft, der Jagd und Wildbiologie, denn eine ganz wesentliche Ursache für Verbiss ist überhöhter, der Standort- Kapazität nicht angepasster Wildbestand. Und der entsteht da, wo Wildbestände über die Biotopkapazität hinaus nach alter Väter Sitte „gehegt“ werden. (Andere Ursachen können mangelnde Ruhe in den Einständen sein, hohe Belastung und Beunruhigung durch Tourismus, s. vor allem die Alpen.)

Halten wir Jäger den Bestand also in einem biotop- angepassten Zustand, so wie ihn die Wissenschaft ermittelt hat, so wie man es mit einigermaßen geschultem Auge oft sofort auch am Zustand der Reviere erkennen kann (wobei Biotop- Kapazität nicht nur in verfügbarer Äsung definiert wird, s. o.), dann hat man gesunde Bestände und die Verbissschäden bewegen sich im natürlichen, zu tolerierenden Rahmen. Ganz nebenbei fällt dabei auch noch sehr viel jagdliche Freude ab. Aber dazu brauche ich keineswegs einen wildfreien Wald, wie es im anderen Extrem oft gefordert wird. Land- und Forstwirtschaft, Wirtschaftlichkeit und Jagd sind keine sich per se widersprechenden Größen, so sehr und so laut das manchmal von interessierter Seite auch behauptet wird.

Stress

Zurück zum Revier – Äsung gibt es da ad libitum, wie Ellenberg das so schön nannte. Aber deutliche Anzeichen für hohen sozialen Stress waren da! Ich selbst habe allein in den zwei Tagen, die ich da war, viel zu viele Böcke gesehen, die vollauf damit beschäftigt waren, „Jungspunde“ auf den Schwung zu bringen. Ein überdurchschnittlich hoher Anteil an Jungböcken aber, dazu noch an schwachen, das ist spätestens seit den jahrelangen Feldforschungen von Fred Kurt, Hermann Ellenberg, Herzog Albrecht von Bayern in den 1960/ 70-er Jahren jagdwissenschaftliches Allgemeingut, ist ein fast untrügliches Zeichen für einen überhöhten Rehwildbestand. Rehgeißen investieren in Stress- Zeiten vorzugsweise in männlichen Nachwuchs, weil der im Vergleich zu den Töchtern sehr viel mehr wandert bzw. durch die Altböcke gezwungen wird zu wandern; so besteht für die Mutter einfach die größere Chance, ihre Gene über die wandernden Söhne in geeignetere Habitate zu retten.

Eine schöne Geschichte dazu am Rande: Einer dieser „auf den Schwung bringenden“ Einstandsböcke war nach einer solchen Aktion derart „auf Adrenalin“, wie Stefan das nannte, dass er keineswegs auf Tauchstation ging, als er mich auf zunächst ca. 100 Meter in Anblick bekam. Er zog im Gegenteil sofort im preußischen Stechschritt mit starkem Imponiergehabe bis auf ca. 30 Meter an mich heran (ich stand völlig ungedeckt und weithin sichtbar auf einem Holzsteg!), paradierte minutenlang breitseits vor mir her, fixierte mich wiederholt lange und ließ sich weder von meiner Ansprache noch vom Geklicke der Kamera auch nur im Geringsten irritieren! Ich hatte die Waffe auf dem Rücken und hätte ihn in aller Ruhe schießen können, ich habe sie aber noch nicht mal runtergenommen – wahrscheinlich hatte ich deswegen Schießhemmung, weil wir intensiv kommunizierten. Man sieht, man muss viel mehr miteinander reden. Die Fotos stelle ich demnächst ein, leider sind sie ohne Teleobjektiv aufgenommen. Trotzdem, so etwas erlebt man nicht oft.

Ansitze

Kurz und gut: Am Abend setzte ich mich raus, und zwar in eine grandios gelegene Kanzel direkt am Finow- Kanal, die nur das Problem hat, dass man sie unmöglich unbemerkt angehen kann. Hier wandten wir den alten Sauerländer Trick an, der immer wieder Wirkung zeigt: Die Kanzel ohne jede Heimlichtuerei zu zweit anmarschieren, in ganz normaler Lautstärke redend, und nur einer geht genauso redend und hustend wieder zurück, Motto: Wo Vorsicht ihm nicht nützen kann, hilft Kühnheit oft dem Jägersmann! (unter uns: Ein uralter Tipp von Altmeister Löns). Unsere Rehe sind gerieben, aber sie zählen noch nicht nach.

Was soll ich sagen: Der Wind stand gut, die Bühne war 15 Minuten später wieder voll, und nach einer guten halben Stunde lag ein griesgrauer Bock, nichts Berühmtes, ein Hegeabschuss, aber ein schönes Jagderlebnis. Allein beim Warten auf Stefan hätte ich bequem noch einen dazu legen können, denn schon während ich meinen Bock aufbrach und versorgte, standen gut 100 Meter entfernt fünf Stücke Rehwild völlig ungerührt auf den Wiesen und ästen. Logisch, sie hatten mich „unter Kontrolle“; Schleicherei dagegen macht misstrauisch. Mindestens zwei davon waren Böcke, von denen der Größere zwei, drei allerdings eher lustlose Attacken gegen den Kleineren ritt.

Stefan und ich haben dann abends noch eine Zeitlang gesessen und geredet, beide wussten wir uns damit immer besser einzuschätzen. Kurz entschlossen also die Verabredung zum morgendlichen Ansitz mit anschließendem Frühstück bei Herbsts im Rosencafé. Um 4:30 waren wir draußen. Kurz gesagt, es war ein einziger Genuss und eine Fotografier- Orgie: Angefangen von Kranichen über Gänse und dem direkt unter der Kanzel durchschwimmenden Biber bis hin zum Konzert von Vogelstimmen, Teichrohrsänger, Nachtigallen, Rotkehlchen, kurz das volle Programm und alles das, was man im Rest der Republik oft schmerzlich vermisst. Und das alles bei vollständigem Fehlen von Straßenlärm etc.

Rehwild gab es „satt“, wie man bei uns sagt, aber weil Stefan durch die Blume zu verstehen gab, dass es besser sei, nach dem Bock gestern Abend lieber erst ein Stück Schwarzwild zu schießen, ließ ich den Finger gerade. Da Sauen aber nur weit entfernt ins Bruch wechselten, war der Morgen ohne Jagderfolg. Erklärlich war mir diese „Schießhemmung“ zunächst nicht. Wie ich in den Gesprächen bemerkt hatte, war er ja meiner Meinung, dass gerade hier im Interesse des Bestandes erheblich mehr geschossen werden müsste.

Ich habe dann mitbekommen, dass die eingesessene Jägerschaft lieber „hegt“ und sich mit dieser Auffassung mit jahrelangem „Beschuss“ auch bei seinem Partner Gehör verschafft hatte; der hatte schließlich kapituliert. In Waldrevieren hätte so etwas sicher die Waldbauern auf den Plan gerufen, aber im Oderbruch ist Verbiss halt kein Thema. So werden die unausrottbaren Borniertheiten, wie so oft, auf dem Rücken der Jagd, des Rehwildbestandes ausgetragen. Vom wirtschaftlichen Verlust des nicht ausgeschöpften Abschusses und Wildbrets einmal ganz abgesehen.

Bewirtschaftungs- Konzept

Das wirtschaftliche Problem liegt im Bruch also eher beim Schwarzwild. Auf Grund des Bewuchs- Charakters und der Struktur des Geländes mit zahlreichen Kanälen und Gräben, Sumpf- und Schilflöchern ist hier die von uns Westfalen so geliebte Drückjagd durch „Kreisen“ und „Festmachen“ nach einer Neue schwierig (wenn auch meiner Meinung nach nicht unmöglich), größere Drückjagden wurden und werden also nicht durchgeführt. Schwarzwild geht aber auf den Grünlandflächen stark zu Schaden. Dementsprechend groß ist der Druck aus der Landwirtschaft vor Ort, denn das ganze Bruch steckt voller Sauen, die vielen Verhaue aus von den Bibern gefällten Weiden, die sumpfigen dichten Gebüsch- und Schilfdickungen bieten ihnen geradezu paradiesische Verhältnisse. Folgerichtig bleibt für die Schwarzwildbejagung nur der Ansitz bei Vollmond oder die nächtliche Pirsch.

Wie Stefan mir erklärte, hat er dazu ein simples System entwickelt: Er gibt Jungjägern aus Deutschland, den Ballungsgebieten wie Berlin bis hin nach Holland gegen einen kleinen Obolus die Gelegenheit zur Jagd und sorgt gleichzeitig durch Seminare, persönliche Unterrichtung etc. für jagdliche Weiterbildung. Dass das funktioniert, belegen die Abschusszahlen und die Beliebtheit bei den erwähnten Jungjägern: Trotz der o. a. Schwierigkeiten wurden im Schnitt 50+ Sauen beim Ansitz geschossen, eine Zahl, die einfach nur über die vergleichsweise große Anzahl von hoch motivierten Gast- und Jungjägern erreichbar ist. Für das Revier, die Landwirtschaft und die Gastjäger eine win- win- Situation, wie es neudeutsch so schön heißt.

Kurz: Es waren zwei hoch interessante Jagdtage, und ich hätte mich gern noch weiter umgesehen und weiter beobachtet, aber ich war mit meinem alten Freund Carsten in Friedland verabredet. Wir hatten uns bereits seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, und ich wollte ihn, da in der Nähe, besuchen. Also auf nach Friedland.

Eine Hegejagd

Man hat viel zu erzählen nach zwei Jahren. Abends ging es zunächst raus in sein Revier. Carsten sieht das ganz abgeklärt, was sich auch in seinen Vorgaben wiedergibt. Bei zwei Ansitzen mit sechs Jägern am Samstagsabend und dem darauffolgenden Sonntagmorgen schoss ich allein drei Böcke. Insgesamt kamen bei ihm und seinem Reviernachbarn von Falkenstein bei diesen beiden Ansitzen 11 Böcke, allerdings nur ein Schmalreh, zur Strecke. Ganz klar: Ein erhöhter Abschuss von Böcken bringt zwar entsprechenden Wildbret- Ertrag. Aber will ich in den Bestand eingreifen, komme ich um den vermehrten Abschuss der Vermehrungsträger, sprich der Weiber, nicht vorbei. Es ist ja eine Binsenweisheit: Ein einziger Bock kann zehn Ricken zu Müttern machen, aber selbst wenn eine Geiß sich mit 10 Böcken vergnügt, kann sie nur einmal trächtig werden. Aber es ist wie es ist: Viele Jäger trauen sich einfach nicht, im Mai Schmalrehe zu schießen, zu groß ist die Angst davor, eine trächtige oder früh führende Ricke liegen zu haben. Und, ganz ehrlich, ich war da keine große Ausnahme. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, dass man gerade als Gast höchst ungern einen Fehler macht. Da das aber ein Faktum ist, bleibt also nur die gekonnte Drückjagd im Frühwinter als Maß aller Dinge; nur mit der Ansitzjagd schafft man´s einfach nicht mehr.

Der kleine Unterschied

Ja die Böcke. Was Carsten und sein Nachbar unter Hegeabschüssen verstehen und ohne große Begrenzungen freigeben, hängt hier im Sauerland als durchaus respektabler Bock an der Wand. Nicht umsonst hat er eine imponierende Anzahl von Gehörnen der 400 bis 500- Gramm- Klasse an seinen Wänden hängen, aus eigenem Revier wohlgemerkt! Was mal wieder beweist: Scharfe, pointierte Bejagung ist für den Rehwildbestand eines Reviers der beste Weg zu Vitalität und guter Kondition. Und das gilt nicht nur fürs Rehwild.

Sicher, Rot- und Damwild z. B. kann man auch „auf Sicht“ bejagen, zumindest sind die Erfolgsaussichten dabei besser als beim Reh. Aber gerade das Rehwild als überwiegender r- Stratege sollte tunlichst im Pionier- Stadium gehalten werden. In erster Linie deswegen, weil es dem Bestand gut tut: Weniger Stress untereinander, deutlich weniger Parasitosen und Krankheiten. Dem Revier selbst kommt das auch zugute, natürlich vor allem dem Waldrevier. In zweiter Linie deswegen, weil es Zeugnis von Professionalität des Jagd- Handwerkers ablegt. Und nicht zuletzt auch deswegen, weil es, ganz nebenbei bemerkt, einfach jagdliche Freude macht. Es gibt einem ein gutes Gefühl, wenn man weiß, dass man seinen „Job“ kann.

Alte „Weisheiten“

Aber kommen wir zurück zum Thema: Es steht zu befürchten, dass genau das eintritt, was eigentlich verhindert werden sollte, dass nach allem, was die Wissenschaft, was ernsthaft bemühte Jäger in den letzten Jahrzehnten an Kenntnissen über unser Wild, die Jagd erarbeitet haben, was in allen ernsthaften neueren Lehrbüchern über die Jagd unisono gepredigt und empfohlen wird, dass all das auch weiterhin keine Beachtung findet. Die Überhegerei- Unsitte ist scheinbar einfach nicht auszurotten, sie steckt hier wie anders noch oft genug in den Köpfen. Ich habe von einigen „altgedienten“ Jägern Bemerkungen gehört, die diesen Verdacht nähren, zwei davon reichen eigentlich:

  • Die (Rehe) haben ja gar keine Chance mehr, alt zu werden.
  • Ich schieße doch im Mai keine Schmalrehe, das sind die Mütter meiner zukünftigen Böcke.

Chapeau. Wer so denkt, hat wirklich nichts, aber auch gar nichts von der Entwicklung der Wildbiologie, der Jagdwissenschaften der letzten 50 Jahre mitbekommen. Oder schlicht verschlafen. Der opfert die Jagd auf dem Altar völlig vorgestriger Vorstellungen des Begriffs „Hege“. Aber man fühlt sich so heimelig- geborgen: So denken ja die anderen auch. Nur: Wenn man in diesem Leben als eigenverantwortlich und kompetent wahrgenommen werden will, muss man beginnen, selbst zu denken. Die Voraussetzung zu erfolgreichem eigenem Denken ist, sich qualifiziert zu informieren. Informationen, vulgo Dazulernen, so viel steht fest in unserer schönen Welt, sind Holschulden, niemand trägt sie einem unaufgefordert und ohne eigenes Bemühen zu. Das bedeutet z. B. zu lesen, Vorträge zu besuchen, mit Fachleuten zu reden etc. Das Problem: Viel zu vielen ist das zu mühsam. Dann doch lieber andere denken bzw. bestimmen lassen, wir jagen weiter so wie Opa vor 70 Jahren. Und bedienen damit den Mainstream und alle so sattsam bekannten Vorurteile. „Es ist so bequem, unmündig zu sein“ (Kant).

Fazit

Ich persönlich glaube, dass wir Jäger zwei Verpflichtungen haben: Die eine ist, nach bestem Wissen und Gewissen und mit Freude die Jagd auszuüben und zu erhalten. Die andere ist, sie unseren Nachfolgern möglichst in einem besseren Zustand zu übergeben, als wir selbst sie bekommen haben. (Das gilt, nebenbei bemerkt, nicht nur für die Jagd.)

Davon sind wir mit solchen „Experten“ Lichtjahre, Äonen entfernt. Und wir haben damit, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, die Meinungshoheit über die Jagd längst unseren erklärten Gegnern überlassen. Es ist immer das gleiche Bild: Wir betreiben fleißig Nabelschau und streiten uns ernsthaft darum, ob ein weidgerechter deutscher Jäger sich beim Aufbrechen die Hemdsärmel aufkrempeln darf, ob ein ausgegebener Schnaps mit rechts getrunken werden darf, ob ein Bock ein 2 a, 2 b oder doch nur ein 3 c- Bock ist, einige auch darüber, wie man in den Verbänden zwar ohne größere Sachkenntnis, aber dafür höchst publikumswirksam, weil politiknah „Karriere“ machen kann oder über ähnliche für die Jagd überlebenswichtige Dinge. Währenddessen krempeln die Jagdgegner völlig ungestört nicht nur die Ärmel, sondern gleichzeitig nach Belieben komplett unsere Jagd um, indem sie sämtliche Gesetze und Verordnungen ändern und verschärfen, die die Jagd betreffen. Sie tun das Ganze als Nichtjäger, also als Laien! Und wir, die eigentlich ganz selbstverständlich als die Experten in puncto Jagd hier das Meiste zu sagen hätten, wir werden so gut wie nie gefragt. Und lassen uns das gefallen, seit Jahrzehnten!

Ich will an dieser Stelle einmal Landrat Gernot Schmidt, Landkreis Märkisch- Oderland, zitieren, mit einer Aussage, die er im Zusammenhang mit der hochkochenden Frage der Reduzierung der stark zugenommenen Biberbestände an der Oder und der damit verbundenen Verschärfung der Hochwassergefährdung getan hat: 

„Es ist ein grundsätzliches Problem in Deutschland,“ meint der Landrat, zugleich Präsident des Landesfischereiverbandes, „dass Fachleute wie Jäger und Fischer mit einer über Jahrhunderte gewachsenen Kompetenz in Hege und Pflege von Natur und Wildtieren sich gegenüber ideologisierten, fachfremden Lobbygruppen nur sehr schwer durchsetzen können.“

Das ist mal eine klare Aussage eines politischen und fachlichen Schwergewichts; es gibt also doch noch Sozialdemokraten, die ihr Gehirn nicht bei den Grünen deponiert haben. Zumindest bei der Jagd aber ist dieses Problem zurückzuführen auf genau auf die oben beschriebenen Jäger in unseren Reihen. Sie haben es mit ihrer Einstellung geschafft, dass wir als inkompetente Randgruppe wahrgenommen werden, die man auch bei wichtigen Entscheidungen in ihrem ureigenen Fachgebiet, der Jagd und der Natur, ungerührt übergehen kann.

Das Problem, das ich persönlich mit diesen „Experten“ habe, ist noch nicht einmal, dass sie lernresistent sind. Mein Problem ist, dass sie aus Überzeugung lernresistent sind, auch nicht bereit sind, das zu ändern, weil sie sich so wohlig- schwiemelig- abgeschottet in ihrer verqueren Welt eingerichtet haben. Sie tragen aber die Jagd damit zu Grabe, und sie tun das anscheinend völlig ungerührt. Es ist absehbar, dass irgendwann die Allgemeinheit, der Gesetzgeber die Notbremse zieht nach dem Motto „dies irae“: „Wir haben Euch Boten um Boten gesandt“, aber Ihr wolltet ja nicht. Jetzt regeln wir´s. Der Staat.

Ich fürchte, manche unserer jagenden Nachfahren werden uns dafür gedanklich aufs Grab spucken. Aber das tut ja nicht weh. Zumindest nicht heute. Und man sinkt als weidgerechter, deutscher Überhegejäger ins selbige. „Hier ruhen wir, noch im Tode unserer Überzeugung treu.“

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Kirchveischede, 11. Juli 2013

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Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

 

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