Von Wölfen und Wisenten II

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Von Wölfen und Wisenten II

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Wie auch professionelle Abwiegler immer irgendwann von der Realität eingeholt werden, aber es ihnen im Grunde eigentlich egal ist

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Eigentlich dürfte es hier ja nur heißen „Von Wisenten“. Ich will aber den Titel meines Beitrags vom 30. September 2015, „Von Wölfen und Wisenten“beibehalten. Zum einen deswegen, weil ich sehr viel Sinn für Wiedererkennbarkeit, neudeutsch „corporate identity“ habe. Zum anderen, weil ich eigentlich sicher bin, dass uns Bruder Wolf, wie gerade Tante oder Onkel Wisent, über kurz oder lang eine ähnliche Bestätigung schicken wird. Hoffen wir, für uns alle, mit ähnlich glimpflichem Ausgang wie beim Vorfall mit Madame Wisent.  1)

Interessant finde ich die Berichterstattung durch die beiden schwesterlichen hiesigen Tageszeitungen, beide nämlich der WAZ- Gruppe angehörig: Während die eine, die Westfalenpost, ziemlich ausführlich berichtet, begnügt sich ihre Schwester Westfälische Rundschau mit einem vergleichsweise lapidaren Text.

Beschäftigen wir uns deshalb kurz nur mit dem ausführlicheren Artikel der Westfalenpost.

16-05-24_WP_Wisentkuh greift Touristin an

Der Vorfall selbst steht wohl in keiner Weise in Frage, und Gott sei Dank ist alles glimpflich abgelaufen: Quetschungen, blaue Flecke, eine zerrissene Hose und, natürlich, ein Schock, zumindest ein heilloser Schreck blieben am Ende zu vermerken. Die Wisente ließen sich auch vertreiben, ein Beispiel dafür, dass sie wirklich nur warnen wollten, denn sonst hätte das ganz anders ausgehen können. Ich kann mich an eine Fotoserie erinnern, die nach meiner Erinnerung um 2005 in der Jagdzeitung Wild und Hund veröffentlicht wurde; ein polnischer Naturfotograf hatte damals im Winter im Wald von Białystok durch puren Zufall ablichten können, wie ein Wisent – Jungbulle plötzlich durchdrehte und einen groben Keiler annahm, geschätzt 150 Kilo, mehrmals durch die Luft wirbelte und innerhalb weniger Sekunden tötete. So ein Keiler ist wahrhaftig ein Urvieh, aber er war völlig chancenlos.

Ich will jetzt nicht in den Verdacht kommen, ich hätte ein Problem mit Wisenten. Beileibe nicht. Ich finde, das sind faszinierende Tiere, außerdem verdienen sie jede Unterstützung durch uns. Diese Meinung vertrete ich übrigens auch in Bezug auf Bruder Wolf (Der Wolf, der verlorene Sohn).

Gleichzeitig erlaube ich mir aber, darauf hinzuweisen, dass jetzt genau das eingetreten ist bzw. noch eintreten wird, was beileibe nicht nur ich, sondern viele, viele andere vorausgesagt haben: Die angekündigte „Störung“ ist eingetreten, und es wird unter Garantie zu weiteren „Störungen“ dieser Art kommen, eingedenk des tiefen Wahrheitsgehalts eines meiner Lieblingszitate: „In jedem System ist nichts so gewiss wie der nächste Störfall!“ Gebe Gott, ohne ernsthafte, gar tödliche Konsequenzen. Alle Warnungen dieser Art sind immer wieder als Spinnereien abgetan oder in die Ecke „Verunglimpfung“ und „Na ja, Jäger halt, die wollen alles ja nur totschießen“ gestellt worden. Momentan herrscht Ruhe in diesem Gesellschafts- Segment, ich habe bisher noch keine Stellungnahme aus der bekannten Befürworterszene registrieren können.

Nicht, dass die jetzt alle in Schockstarre wären, ganz sicher nicht. Denn genau damit hat die Szene von vornherein gerechnet. Nur haben die Damen und Herren Abwiegler und Schönredner von vornherein bewusst, sagen wir, ein wenig „die Realität hingebogen“, indem sie genau das gegen jedes bessere Wissen immer wieder heftigst in Abrede gestellt, in den Bereich der Utopie gerückt haben. Die noch denkbare Alternative wäre, dass sie zu naiv bzw. zu dumm waren, das voraussehen zu können. Das wiederum kann ich mir bei Menschen mit einem derart ausgeprägten Geschäftssinn eigentlich nicht vorstellen. Es wurde und wird einfach darauf gesetzt, dass das für sie so einträgliche Projekt, einmal in der Welt, in der typisch deutschen Festhalte- Mentalität und sprichwörtlichen Nibelungentreue nicht mehr zurückgedreht wird. Wer wird ernsthaft schon Wisente wieder abschaffen wollen? Blasphemie, ein veritabler shitstorm des Couch- Naturschutzes in den Großstädten wird das ganz gewiss schon verhindern. Motto:

Was ist denn schon passiert?

Ja, was ist denn schon passiert? Wenn man sich aber mal vorstellt, was da eigentlich von Beginn an an Schizophrenie so abgeht, fasst man sich an den Kopf. Stellen Sie sich vor, ein Bauer hielte eine Rinderherde in Ammenkuhhaltung (da sind selbst unsere sonst so friedfertigen Kühe auf einmal sehr ernst zu nehmen!) unter Beistellung eines ausgewachsenen Bullen auf einer Weide und sparte sich den teuren Zaun mit der Behauptung „Die tun nix!“ – im Ernst, lange könnte der nicht mehr selbst seinen Aufenthaltsort bestimmen. Der würde ganz schnell aus dem Verkehr gezogen und einer ausgiebigen Ritalin- Anwendung unterzogen. Bei Wisenten, immerhin ausgemachten Wildrindern, durch keine jahrtausendelange Zucht auf den Menschen geprägt, wird genau das den Leuten einfach erzählt.

Ganz bezeichnend finde ich auch die zur Schau getragene „Betroffenheit“ und den geradezu typischen Erklärungsansatz: „Zwei neue Kälbchen bei der Herde. Eine Sondersituation, in der Kühe ihre Kälber verteidigen.“ Das schlägt dann wirklich dem Fass den Boden aus: Wollen die den Leuten eigentlich allen Ernstes weismachen, die setzen eine Herde Wisentkühe zusammen mit Bullen aus und gehen davon aus, dass die Tiere mit Rücksicht auf die Empfindlichkeit von Wanderern und Touristen freiwillig zölibatär leben? Wo seit mehreren Jahren von den gleichen Leuten geradezu begeistert von der regen Reproduktivität in der Herde berichtet wird? Sancta simplicitas, für wie dämlich halten die eigentlich mittlerweile die Öffentlichkeit?

Nein, es wird auf das hinausgehen, was bei Kennern der Szene schon von vornherein als Absicht im Verdacht war: Die Tierchen werden auf großzügigen Flächen unter Einrichtung von Beobachtungspunkten eingegattert. Die Folgen: Die Gefahr weiterer Konfrontationen dieser Art ist weitgehend gebannt; Tourismus und Fremdenverkehr behalten ihre Attraktion (was gut ist!); der Gatterbesitzer hat als unvermeidlichen Kollateralschaden seine Begleitfauna wie kapitale Geweihträger zwar mit gegattert, aber wo gehobelt wird, fallen eben Späne; die umliegenden Waldbauern haben endlich die Schälschäden vom Hals (was gut ist!); die „Umwelt“- Verbände können weiter ihre lukrativen „Patenschaften“ verkaufen; Herr Remmel und seine grüne Partei machen auf unschuldig am geplanten Desaster zu Lasten des zwar eh schon desaströsen Landeshaushalts – aber alle sind glücklich. Mission accomplished.

Jetzt folgt die berühmte Asterix- Frage: Ganz Gallien? Oder, hier, sind wirklich alle glücklich? Nein, nicht wirklich. Denn der Steuerzahler, der ist in den Hintern gebissen, einmal mehr. Einer muss nämlich zahlen für die Komödie oder dafür, dass sie eine bleibt – so eine Gatterung kostet in der Errichtung und laufenden Unterhaltung Geld, und zwar nicht wenig. Aber ganz sicher lässt sich für das Ganze auch ein volkswirtschaftlicher Folgenutzen konstruieren, lässt es sich also als Netto- Investition deklarieren. Unterstützung strukturarmer Gebiete fällt zwar aus, Südwestfalen strotzt vor Geld, aber da hat ganz sicher irgendjemand irgendeinen pfiffigen Einfall.

Quod licet jovi, non licet bovi. Und die Ochsen, um das ganz klar zu machen, sind einmal mehr die Steuerzahler. So geht´s natürlich auch. Aber auf der anderen Seite – geht´s so nicht eigentlich immer?

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Kirchveischede, 24. Mai 2016

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Manfred Nolting

Ein Jagdmensch

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1) Im Beitrag vom 30. September hatte ich mit dem Untertitel „Die reale Welt“ Folgendes geschrieben:

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„Es ist nicht die Frage, ob der Wolf, ob der Wisent irgendwann einen Menschen zu Schaden bringt, auch mit letalem Ausgang. Das steht fest, so sicher wie es Steuern gibt. Es ist nur noch die Frage, wann: Heute, morgen, in einem Jahr oder in 10 Jahren. Denn wer da glaubt, dass die Wildrinder sich an das Fraternisierungsgebot halten, das ihnen von den Kuschlern aufoktroyiert wurde, der muss ja wohl eine gehörige Portion Naivität in sich tragen. Irgendwann wird ein Testosteronbolzen in der Brunft, eine Kuh, die sich von ihrem Kalb getrennt sieht, einen Angriff starten. Gebe Gott, mit glimpflichem Ausgang.“

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und

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„Wie schon gesagt: Ich persönlich habe schon einiges zum Thema Wolf geschrieben, und ich vertrete zu Wolf und Wisent die gleichen Ansichten: Es sind beides faszinierende Tiere. Aber sie sind gefährlich oder können es ihrem natürlichen Verhaltensrepertoire nach werden. Und frei nach Murphy´s law, dass alles, was schiefgehen kann, auch schiefgeht, wird´s Ärger geben, todsicher.

Nun kann man, wie ich beim Wolf, der Meinung sein, dass das nur so vereinzelt der Fall sein wird, dass man das als unvermeidlichen Kollateralschaden hinnehmen sollte. Ich meine, eine Bevölkerung, die klaglos akzeptiert, dass es jedes Jahr ca. 400 tote Radfahrer im Verkehr gibt und trotzdem massenhaft aufs Rad steigt, die akzeptiert, dass es jedes Jahr um die 1.000 tödliche Haushaltsunfälle gibt und die trotzdem auf Trittleitern steigt, sollte mit einem oder zwei Todesfällen durch Wölfe zurechtkommen können.

Alles, was schön und ursprünglich ist, ist eben nicht umsonst zu haben. Wir müssen endlich von dieser unsäglichen Geld- zurück- Garantie – Mentalität wieder runterkommen, die unsere Super- Regulierer als scheinbares Menschenrecht im öffentlichen Bewusstsein implementiert haben: Es passt uns was nicht? Gut, machen wir ein Gesetz dagegen.

D a s   f u n k t i o n i e r t   s o   n i c h t !  

Die Welt ist gefährlich, das ist so. Punkt. Und deswegen auch so spannend und schön. Wer kein Risiko haben will, muss morgens im Bett bleiben. Und selbst da kann man einem spontanen Herzinfarkt erliegen, wenn man manche Leserbriefe liest.

Was tun?

Man muss den Menschen da draußen einfach mal die Wahrheit sagen und sie nicht verdummen mit diesen strunzdummen Sprüchen wie „der Mensch gehört nicht zum Beuteschema des Wolfs“ und ähnlich gefährlichem Blödsinn.

Nun sehe ich das aber so, dass das mit unseren Wisenten eine andere Hausnummer ist, denn die tummeln sich als potentiell tödlich gefährliche Viecher gerade in Gebieten, die eine starke Besucherfrequenz aufweisen. Und sowas hat einfach Konfliktpotential, siehe oben, und zwar erhebliches. Das wiederum wird, das steht für mich genauso fest wie meine Ausführungen zum Wolf, über kurz oder lang zur Diskussion darüber führen, was denn dann mit den Wisenten passieren soll, wie man dieser Gefahr vorbeugen kann. Da liegen zwei spontane Optionen auf der Hand: Abschaffen oder, wie man hier sagt, großzügig einpirken.“

Man sieht, manchmal kommt es schneller, als man denkt.

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2 Kommentare zu Von Wölfen und Wisenten II

  1. Ronald Braun sagt:

    Ich will mich mal kurz fassen:
    „“Gut gemeint“ ist nun Mal der große Bruder von „scheiße gelaufen““
    Dir Manfred ein herzliches DANKE für deine Ausführungen, auch wenn meine Hoffnung das es etwas bewirkt doch sehr gering ist (bei dieser Gesellschaft die nicht die meine ist).

  2. Klaus O. sagt:

    Moin Moin,
    ein sehr toller Blog ! Sehr informativ!
    Wisent & Wolf mMn. 2 sehr wundervolle Tiere
    Grüsse & WH
    Klaus !

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